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Jubiläen fusionieren

Drüben im Kulturblog der Glarner Agenda habe ich während vier Wochen kombiniert. Und zwar zwei Jubiläen, hinter denen wichtige Dinge in meinem Leben stecken. Es geht um das Fünfzigjährige des Frauenstimmrechts in der Schweiz und um das Zehnjährige der Gemeindefusionen im Kanton Glarus.


Starke Frauen begleiten mich mein ganzes Leben – angefangen bei meiner Mutter und meinen Schwestern über meine vielen weiblichen Vorgesetzten bis zu Freundinnen, Arbeitskolleginnen und Kundinnen.



Auf dem Weg zum selbstbewussten schwulen Mann und als Teil einer Minderheit orientierte ich mich stets am Zustand der Gleichberechtigung der Geschlechter. Für mich ist auch heute noch ein Credo: Nur wenn Frauen gleichberechtigt sind, haben auch andere Minderheiten faire Chancen.


Trotz dieses Selbstverständnisses von kleinauf wurde mir das Thema Frauenstimmrecht in der Schweiz erst so richtig mit dem Film «Die göttliche Ordnung» von 2017 bewusst.


Als ich zur Welt kam, war das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst seit zwei Jahren eingeführt. Es muss damals eine besondere Zeit gewesen sein – Veränderung und Übergang, Unsicherheit und Zuversicht gleichzeitig.



Ein Quäntchen Zuversicht und Selbstbewusstsein schadete mir auch nicht, als ich 2011 in den Kanton Glarus zog. Nach 15 Jahren wollte ich weg von Zürich – und ich wollte Berge.


Glarus lief mir in dieser Zeit geschäftlich über den Weg. Ein Jahr zuvor hatte ich meine erste Sitzung in Ennenda. Danach stand ich am Bahnhof, vor mir der mächtige Vorderglärnsich mit seinen saftig grünen Flanken. Ein Grün, das mir beim Warten auf den Zug Tränen in die Augen drückte.


Seither sind viele Züge an diesem Bahnhof weggefahren und angekommen. Ich sehe ihn heute von meiner Stube aus. Ebenso wie den mächtigen Vorderglärnisch und seine Flanken. Manchmal denke ich: Was in meiner Kindheit und Jugend das stolze Kloster Einsiedeln für mich war, ist heute der mächtige Vorderglärnisch.


Man hat mit Vorteil etwas mit Demut am Hut, um solche Mächtigkeit nicht nur zu ertragen, sondern auch schön zu finden. Allerdings: Auf den Vorderglärnisch hinauf will ich bis heute nicht. Ihn zu bezwingen würde ihm den Zauber nehmen. Vielleicht ist es mir auch einfach zu anstrengend und gefährlich.



So kurz ich nach Einführung des Frauenstimmrechts zur Welt kam, zog ich in den Kanton Glarus, als die Gemeindefusion beschlossene Sache war. Was zuvor war, erlebte ich nicht persönlich. Das bewog mich vermutlich dazu, im Kulturblog eine Beitragsserie zu produzieren, für die ich insgesamt zehn Frauenstimmen zum Fusionsjubiläum suchte und fand.


Die ersten drei Stimmen gehören Frauen aus Glarus Nord. Sie ist die einwohnerstärkste Glarner Gemeinde. Als Kind war ich oft mit meinen Eltern am Wirtesonntag – es war ein Dienstag – am Obersee bei Näfels. Es ist eine wunderschöne Gegend, ein steiles, wildes Wald- und Alpgebiet.


Glarus Nord liegt auch am Walensee, wo ich auch nach zehn Jahren Glarnerland noch selten war. Auf dem Kerenzerberg schon eher: Dort leben Freunde, die es auch von Zürich in den Kanton Glarus gezogen hat.



Die zweiten drei Stimmen gehören Frauen aus der Gemeinde Glarus. Sie ist das politische und kulturelle Zentrum des Kantons. Hier kommen alle hin oder fahren alle durch. Auch hier war ich als Kind mit meinen Eltern unterwegs, meistens im Klöntal zur Einkehr im Hotel Restaurant Vorauen.


Glarus ist heute mein Lebensmittelpunkt. Von meinem Wohnort in Ennenda ist es nicht mal so weit, wie zwischen dem Helvetia- und dem Limmatplatz in Zürich. Enennda und Glarus haben zurecht schützenswerte Ortsbilder von nationaler Bedeutung.



Die dritten drei Stimmen gehören Frauen aus Glarus Süd. Sie ist die flächenmässig grösste Glarner Gemeinde und beginnt nur fünf Minuten zu Fuss von meinem Zuhause aus auf der anderen Seite der Linth.


Von den Ausflügen aus meiner Kindheit her erinnere ich mich vor allem an das Restaurant Horgenberg in Mitlödi. Es war für mich immer etwas Besonderes, dort einzukehren, weil unser eigenes Restaurant in Einsiedeln im Quartier Horgenberg stand. Der Spaziergang dorthin dauert von meiner Haustüre aus 30 Minuten.


In Glarus Süd bin ich oft und gern in den «Ferien um die Ecke» und manchmal auch geschäftlich.



Die zehnte Stimme steht für den Kanton Glarus und gehört der Präsidentin der Frauenzentrale. Der Kanton Glarus war für mich schon früher ein Phänomen. Lange bevor ich hinzog, besuchte ich als junger Erwachsener die Landsgemeinde mit meiner damaligen Freundin.


Viele Jahre später machten mein Mann und ich an einem regnerischen Sonntag einen Ausflug in den Hauptort. Mich irritierte damals nicht nur der Berg mitten in der Stadt. Die Irritationen waren auch ein Grund, warum ich mich für Glarus zu interessieren begann.



Heute denke ich immer wieder, ich hätte es mir einfacher machen können, als in den Kanton Glarus zu ziehen. Einfach war aber noch nie so mein Ding.


Was mir im Kanton Glarus fehlt, sind der Humor und das Flirten. Was mich stört, sind der Verkehr und die Überheblichkeit. Was mich reizt, sind die Unmittelbarkeit und die Landschaft. Was ich mag, sind die lieb gewonnenen Menschen und die Atmosphäre, Dinge ausprobieren zu dürfen und etwas bewegen zu können.

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