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Gekreuzigt, gestorben und begraben

An Karfreitag trugen in meiner Kindheit die älteren Frauen schwarze Halstücher. Sie waren nur noch wenige. Damals fand ich es seltsam, so lange nach seinem Tod noch um Jesus zu trauern.


Heute bin ich verlockt, selbst ein schwarzes Halstuch zu tragen. Denn der Verrat an Jesus – in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag – wiederholt sich immer und immer wieder.


Weil auf den Verrat der einen das Leiden der anderen folgt, ist die Rolle des Verräters offenbar so verlockend, dass wir sie alle immer wieder einnehmen – wohl in der Hoffnung, selbst nicht leiden zu müssen.


Ein Teufelskreis, in dem die Gewinner eigentlich die Verlierer sind – und umgekehrt.



Zum Karfreitag läute ich drüben im Kulturblog das Ende der Fastenzeit ein. Ich mache das zusammen mit einem Menschen, mit dem ich einen sehr schönen Kontakt habe, obwohl wir uns noch nie in Fleisch und Blut begegnet sind. Seine Antworten auf meine Fragen gefallen mir sehr. Unter anderem schreibt er davon, was Fasten mit Sterben und Zwingli mit Freiheit zu tun haben.


Ob ich gläubig bin, konnte ich noch nie einfach mit Ja oder Nein beantworten. Wenn «gläubig» heiss zu spüren, dass die Jesus-Geschichte etwas für einen bedeutet, dann lautet meine Antwort: Ja.


Und auf die Frage «glaubst du, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist?» gibt es inzwischen auch ein Ja von mir – weil daran das Leiden zentral ist, vor dem sich die Menschen fürchten und das Jesus für sie übernimmt, selbst für seine Verräter. Deshalb fühle ich mich mit dem Teil gekreuzigt, gestorben und begraben im apostolischen Glaubensbekenntnis verbunden.


Mit «empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria» dagegen eher nicht. Diese Aussage ist für meinen Glauben nicht oder, wenn schon, umgekehrt relevant. Maria ist eine grossartige Figur, auch wenn oder gerade weil sie keine Jungfrau ist.


Dazu aber mehr mal an Weihnachten. Heute geht es schliesslich nicht um die Geburt, sondern um den Tod von Jesus – und sein unglaubliches Leiden vor der Erlösung.



Auch der Ort, an den ich seit bald einem Jahr oft zurückkehre, stellt die Kreuzigungsszene dar. Etwas unterhalb von ihr steht auf einem Schild etwas, das mich zum Glück begleitet:


Liebe und Verbundenheit machen Hingabe möglich.



Ja: Mit den Leuten, die letzten Mittwoch an meinem Lieblingsort waren, fühlte ich mich gerade nicht so verbunden. Mit den Menschen in meinem Herzen umso mehr.

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