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Globale Sprache – lokal verbindend

Zugegeben: Der Titel dieses Beitrags stammt nicht von mir. Vielmehr ist er das Thema des Schaffens einer Künstlerin, die ihr Werk dem Ornament verschrieben hat. Regula Michell stellte die letzten zwei Wochen den «remix Istanbul» ihrer «Moving Ornaments» in Glarus aus.


In Glarus, weil diesen Kanton die Textilindustrie prägte. Mit Ornamenten, weil sie wesentlich für den Glarner Textildruck waren und sind. Und mit dem Hintergrund Istanbul, weil das Ornament aus dem Orient stammt.


Istanbul am Bosporus | Unsplash

Historisch passt sich die Ausstellung in den spannenden Kontext der europäischen Industrialisierung ein: Exakt 150 Jahre alt ist das Glarner Fabrikgesetz. Wegweisend war es 1864, als die Landsgemeinde die Rechte der Fabrikarbeiter stärkte und den Arbeitstag auf zwölf Stunden maximierte.


Schon zuvor wurden die Nachtarbeit und der Einsatz schulpflichtiger Kinder verboten. Frauen waren vor und nach der Niederkunft während sechs Wochen von der Fabrikarbeit befreit. 1878 trat auch auf Eidgenössischer Ebene ein Fabrikgesetz in Kraft.

Textilindustrie in Europa | Bild: Unsplash


Zweifelsohne ein strahlendes Beispiel demokratischer Errungenschaften. Zweifelsohne Grund genug zurückzublicken. Zweifelsohne eine Aufforderung die Augen zu öffnen. Denn das Umfeld der damaligen Arbeiterschaft war die Textilindustrie. Eine Industrie, die innovative und weltoffene Pioniere erblühen liessen.


Eine Geschichte, die das Museum des Landes Glarus im Freulerpalast Näfels eindrücklich darstellt. Früh waren die Glarner Pioniere auf der ganzen Welt unterwegs, von Europa bis nach Indien. Zurück kamen sie mit Mustern für ihre Stoffe und mit Know-how über deren Produktion.


Freulerpalast Näfels | Bild: Kanton Glarus, Samuel Trümpy

Gescheit, geschickt und engagiert waren sie, industrialisierten die Produktion und verkauften ihre Stoffe hinaus in die ganze Welt – vom Balkan über den Bosporus bis nach Asien oder Afrika. Auch dorthin, wo die industrielle Textilproduktion heute so genannt ausgelagert ist. In Länder, wo auch schon mal eine Textilfabrik zusammenkracht. In Länder, deren Ornamente und deren Techniken die Europäer damals als wirtschaftlichen Nährboden übernahmen.


Dhakar, Bangladesh | Bild: Unsplash


Zweifelsohne sind wir dazu verpflichtet, unsere Errungenschaften zu teilen und dafür zu sorgen, dass Menschen nicht unter einstürzenden Fabrikgebäuden begraben werden. Das sind wir diesen Menschen ideologisch und wirtschaftlich schuldig. Schliesslich haben ihre Kenntnisse und ihr Stil uns wirtschaftlichen Erfolg in der Textilindustrie gebracht. Ein Erfolg, aus dem zum Beispiel in Basel die chemische Industrie entstanden ist.


Ein Weg, die Augen für solche Hintergründe zu öffnen, ist die Kunst. Ihr Vorteil: Sie macht attraktiv oder provokativ auf Verhältnisse aufmerksam, lässt nachdenken oder fordert zum Kampf auf.


Moving Ornaments | Bild: Marcel Bapst


Regula Michells bewegte Ornamente sind eine sanfte und ästhetisch anmutende Aufforderung, sich mit den Umständen unseres wirtschaftlichen Erfolgs auseinanderzusetzen. Umstände, die wir unserer traditionell globalen Vernetzung zu verdanken haben. Die Zeit ist reif etwas zurückzugeben. Zum Beispiel unsere Erfahrung in der Schaffung sozialer Sicherheit.


Quelle: Dieser Beitrag ist durch ehrenamtliche Zusammenarbeit mit Regula Michell entstanden.

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