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Selbsternannte Zahnärzte und die Armutskeule

Die üblichen Verdächtigen bekämpfen das kantonale Glarner Energiegesetz. Ihm sollen Zähne gezogen werden.



Zähne ziehen ist die äusserste Massnahme nach einer langanhaltenden, wenig sorgfältigen Mundpflege. Mal mit der Zahnseide dahinter: nein, zu faul. Mal zur Dentalhygiene: nein, zu teuer. Mal keinen Zucker: nein, zu süchtig. Unsorgfältig gehen die selbsternannten Zahnärzte auch mit der Klimakrise um.


Unsorgfältig ist das gezeichnete Bild junger Familien, die sich keine Sorgen um ihre Kinder leisten können. Diese Kinder müssen mit noch mehr Hitze, Trockenheit, Starkregen und deren Folgen leben – und das öfter, als nötig. Schliesslich könnten wir viele dieser Folgen mit unserem Verhalten verhindern, statt befeuern.



Das Bild lässt sich auch selbstbewusster zeichnen. Warum wünschen wir uns nicht junge Familien, die von unserer eindrücklichen Natur, einzigartigen Demokratie und lebendigen Dorfkultur überzeugt sind – nicht nur von günstigen Bodenpreisen? Familien, die länger als ein paar Jahre bleiben, unseren Lebensraum schätzen und deshalb auf einheimische, erneuerbare Energie setzen.



Überhaupt haben sich die Zahnärzte eine schlaue Taktik zugelegt: Sie glauben jetzt an den menschgemachten Klimawandel, tun aber trotzdem nichts. Im Ergebnis führt das zum Gleichen, wie den Klimawandel zu leugnen. Und es entspricht einem bekannten Muster: Ich habe nichts gegen Ausländer, aber… Lesben und Schwule sind in Ordnung, aber… Der Klimawandel ist unbestritten, aber…



Im Kanton Glarus ist das Wort zum Glück frei – selbst für Klimaleugner, Ausländerfeinde und Homophobe. Nicht in Ordnung am freien Wort ist, wenn es fadenscheinig daherkommt. Zu einer ehrlichen Debatte gehört, dass die Absichten der Menschen hinter ihren Meinungen bekannt sind.


Es ist also zentral, seine Beweggründe offenzulegen – zum Beispiel so: «Mir egal, wenn Menschen vor den Folgen des Klimawandels zu uns flüchten müssen. Mir egal, wenn heute Alte in unseren Breitengraden an der Hitze sterben. Mir egal, wenn meine Kinder künftig Umweltschäden zahlen müssen, für die es keine Versicherungen mehr gibt. Mir egal, weil ich heute gut leben will und keinen Rappen für die Zukunft des Glarnerlands ausgebe.»



So denken ist erlaubt. Wer so denkt, zieht Zahn um Zahn. Wer anders denkt, stimmt an der Landsgemeinde vom 5. September ja zur unveränderten Vorlage und hofft auf ehrliche Häute, die einen Verschärfungsantrag stellen. Denn es braucht mehr, statt weniger Klimaschutz.


Quelle: Diesen Beitrag habe ich ursprünglich als Leserbrief für die Südostschweiz Glarner Nachrichten geschrieben. Dort ist er am 25. August 2021 erschienen. Fünf Tage später gab es eine Reaktion darauf.


Glarner Nachrichten 12.08.2021
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Glarner Nachrichten 20.08.2021
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Glarner Nachrichten 30.08.2021
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