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Transkription

  • Autorenbild: Werner
    Werner
  • 10. Aug. 2025
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Sept. 2025

Heute transkribiere ich eine Geschichte, die meinen Blick auf die Welt seit drei Jahrzehnten klärt. Ich hätte damit schon in der Wiege das Licht der Welt erblicken können, musste aber noch ein Weilchen warten, bis sie mir als Lied zugespielt wurde.


Schon Titel und Einstieg dieses Beitrags sind glatt gelogen, oder zumindest falsch: Ich transkribiere nicht. Dank eines im Netz gefundenen Arbeitsblatts einer Bildungseinrichtung reicht «Copy Paste».


Die Lüge hat sich glatt gelohnt. Vielleicht weil sie nicht beabsichtigt war. Ursprünglich dachte ich daran, ein Lied in geschriebenen Text zu übertragen. Dabei hätte ich wissen müssen, dass das Lied bereits den entgegengesetzten Weg gemacht hat.


Doch am Ende werde ich garantiert richtig lügen – versprochen! Am selben Ende dieses Beitrags geht's auch ums Lied, das seit 1994 meinen Blick auf die Welt prägt. Zuerst aber zum Ursprung von 1969.


Der Geschichte

Ich habe die Geschichte von einem Mann, der Geschichten erzählt. Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass ich seine Geschichte nicht glaube. 

«Sie lügen», habe ich gesagt, «Sie schwindeln, Sie phantasieren, Sie betrügen.» 

Das beeindruckte ihn nicht. Er erzählte ruhig weiter, und als ich rief: «Sie Lügner, Sie Schwindler, Sie Phantast, Sie Betrüger!», da schaute er mich lange an, schüttelte den Kopf, lächelte traurig und sagte dann so leise, dass ich mich fast schämte: «Amerika gibt es nicht.»

Ich versprach ihm, um ihn zu trösten, seine Geschichte aufzuschreiben:

Sie beginnt vor fünfhundert Jahren am Hofe eines Königs, des Königs von Spanien. Ein Palast, Seide und Samt, Gold, Silber, Bärte, Kronen, Kerzen, Diener und Mägde; Höflinge, die sich im Morgengrauen gegenseitig die Degen in die Bäuche rennen, die sich am Abend zuvor den Fehdehandschuh vor die Füsse geschmissen haben. Auf dem Turm fanfarenblasende Wächter. Und Boten, die vom Pferd springen, und Boten, die sich in den Sattel werfen, Freunde des Königs und falsche Freunde, Frauen, schöne und gefährliche, und Wein und um den Palast herum Leute, die nichts anderes wussten, als all das zu bezahlen.

Aber auch der König wusste nichts ande­res, als so zu leben, und wie man auch lebt, ob in Saus und Braus oder Armut, ob in Madrid, Barcelona oder irgendwo, am Ende ist es doch täglich dasselbe, und man langweilt sich. So stellen sich die Leute, die irgendwo wohnen, Barcelona schön vor, und die Leute von Barcelona möchten nach Irgendwo reisen.

Die Armen stellen es sich schön vor, wie der König zu leben, und leiden darunter, dass der König glaubt, arm sein sei für die Armen das richtige.

Am Morgen steht der König auf, am Abend geht der König ins Bett, und tags­über langweilt er sich mit seinen Sorgen, mit seinen Dienern, seinem Gold, Silber, Samt, seiner Seide, langweilt sich mit sei­nen Kerzen. Sein Bett ist prunkvoll, aber man kann darin auch nicht viel anderes tun als schlafen.

Die Diener machen am Morgen tiefe Verbeugungen, jeden Morgen gleich tief, der König ist daran gewöhnt und schaut nicht einmal hin. Jemand gibt ihm die Gabel, jemand gibt ihm das Messer, jemand schiebt ihm den Stuhl zu, und die Leute, die mit ihm sprechen, sagen Majestät und sehr viele schöne Worte dazu und sonst nichts.

Nie sagt jemand zu ihm: «Du Trottel, du Schafskopf», und alles, was sie ihm heute sagen, haben sie ihm gestern schon gesagt.

So ist das.

Und deshalb haben Könige Hofnarren.

Die dürfen tun, was sie wollen, und sa­gen, was sie wollen, um den König zum Lachen zu bringen, und wenn er über sie nicht mehr lachen kann, bringt er sie um oder so.

So hatte er einmal einen Narren, der verdrehte die Worte. Das fand der König lustig. Der sagte «Stajesmät» statt «Majestät», der sagte «Lapast» statt «Palast» und «Tuten Gat» statt «Guten Tag».Ich finde das blöd, der König fand das lustig. Ein ganzes halbes Jahr lang fand er es lustig, bis zum 7. Juli, und am achten, als er aufstand und der Narr kam und «Tuten Gat, Stajesmät» sagte, sagte der König: «Schafft mir den Narren vom Hals!»

Ein anderer Narr, ein kleiner dicker, Pe­pe hiess der, gefiel dem König sogar nur vier Tage lang, der brachte den König damit zum Lachen, dass er auf die Stühle der Damen und Herren, der Fürsten, Herzöge, Freiherren und Ritter Honig strich. Am vierten Tag strich er Honig auf den Stuhl des Königs, und der König musste nicht mehr lachen, und Pepe war kein Narr mehr.

Nun kaufte sich der König den schreck­lichsten Narren der Welt. Hässlich war er, dünn und dick zugleich, lang und klein zugleich, und sein linkes Bein war ein O‑Bein. Niemand wusste, ob er sprechen konnte und absichtlich nicht sprach oder ob er stumm war. Sein Blick war böse, sein Gesicht mürrisch; das einzig Liebliche an ihm war sein Name: er hiess Hänschen.

Das Grässlichste aber war sein Lachen. 

Es begann ganz klein und gläsern ganz tief im Bauch, gluckste hoch, ging lang­sam über in ein Rülpsen, machte Häns­chens Kopf rot, liess ihn fast ersticken, bis er losplatzte, explodierte, dröhnte, schrie; dann stampfte er dazu und tanzte und lachte; und nur der König freute sich daran, die andern wurden bleich, began­nen zu zittern und fürchteten sich.

Und wenn die Leute rings um das Schloss das Lachen hörten, sperrten sie Türen und Fenster zu, schlossen die Läden, brachten die Kinder zu Bett und verschlossen sich die Ohren mit Wachs.

Hänschens Lachen war das Fürchterlich­ste, was es gab.

Der König konnte sagen, was er wollte, Hänschen lachte.

Der König sagte Dinge, über die nie­mand lachen kann, aber Hänschen lachte. Und eines Tages sagte der König: «Hänschen, ich hänge Dich auf.»

Und Hänschen lachte, brüllte los, lachte wie noch nie.

Da beschloss der König, dass Hänschen morgen gehängt werden soll. Er liess einen Galgen bauen, und es war ihm Ernst mit seinem Beschluss, er wollte Hänschen vor dem Galgen lachen hören. Dann befahl er allen Leuten, sich das böse Schauspiel anzuschauen. Die Leute versteckten sich aber und verriegelten ihre Türen, und am Morgen war der Kö­nig mit dem Henker, mit den Knechten und dem lachenden Hänschen allein.

Und er schrie seinen Knechten zu: «Holt mir die Leute her!» Die Knechte suchten die ganze Stadt ab und fanden niemanden, und der König war zornig, und Hänschen lachte.

Da endlich fanden die Knechte einen Knaben, den schleppten sie vor den König. Der Knabe war klein, bleich und schüchtern, und der König wies auf den Galgen und, befahl ihm, zuzuschauen.

Der Knabe schaute zum Galgen, lächelte, klatschte in die Hände, staunte und sagte dann: «Sie müssen ein guter König sein, dass Sie ein Bänklein für die Tauben bauen; sehn Sie, zwei haben sich bereits darauf gesetzt.»

«Du bist ein Trottel», sagte der König, «wie heisst Du?»

«Ich bin ein Trottel, Herr König und heisse Colombo, meine Mutter nennt mich Colombin.»

«Du Trottel», sagte der König, «hier wird jemand gehängt.»

«Wie heisst er denn?» fragte Colombin, und als er den Namen hörte, sagte er: «Ein schöner Name, Hänschen heisst er also. Wie kann man einen Mann, der so schön heisst, aufhängen?»

«Er lacht so grässlich», sagte der König, und er befahl dem Hänschen zu lachen, und Hänschen lachte doppelt so grässlich wie gestern.

Colombin staunte, dann sagte er: «Herr König, finden Sie das grässlich?» Der König war überrascht und konnte nicht antworten, und Colombin fuhr fort: «Mir gefällt sein Lachen nicht besonders, aber die Tauben sitzen immer noch auf dem Galgen; es hat sie nicht erschreckt; sie finden das Lachen nicht grässlich. Tau­ben haben ein feines Gehör. Man muss Hänschen laufen lassen.»

Der König überlegte und sagte dann: «Hänschen, scher dich zum Teufel.»

Und Hänschen sprach zum ersten Mal ein Wort. Er sagte zu Colombin: «Danke!» und lächelte dazu ein schönes menschliches Lächeln und ging.

Der König hatte keinen Narren mehr. «Komm mit», sagte er zu Colombin.

Des Königs Diener und Mägde, die Gra­fen und alle glaubten aber, Colombin sei der neue Hofnarr.

Doch Colombin war gar nicht lustig. Er stand da und staunte, sprach selten ein Wort und lachte nicht, er lächelte nur und brachte niemanden zum Lachen.

«Er ist kein Narr, er ist ein Trottel», sagten die Leute, und Colombin sagte: «Ich bin kein Narr, ich bin ein Trottel.»

Und die Leute lachten ihn aus.

Wenn das der König gewusst hätte, wäre er böse geworden, aber Colombin sagte ihm nichts davon, denn es machte ihm nichts aus, ausgelacht zu werden.

Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Frauen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer war fromm und die Küchenmagd fleissig – nur Colombin, Colombin war nichts.

Wenn jemand sagte: «Komm, Colombin, kämpf mit mir», sagte Colombin: «Ich bin schwächer als du.»

Wenn jemand sagte: «Wie viel gibt zwei mal sieben?», sagte Colombin: «Ich bin dümmer als du.»

Wenn jemand sagte: «Getraust du dich, über den Bach zu springen» sagte Colombin: «Nein, ich getraue mich nicht.»

Und wenn der König fragte: «Colombin, was willst du werden?», antwortete Colombin: «Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Colombin.»

Der König sagte: «Du musst aber etwas werden», und Colombin fragte: «Was kann man werden?»

Da sagte der König: «Jener Mann mit dem Bart, mit dem braunen, ledernen Gesicht, das ist ein Seefahrer. Der wollte Seefahrer werden und ist Seefahrer ge­worden, er segelt über die Meere und entdeckt Länder für seinen König.»

«Wenn du willst, mein König», sagte Colombin, «werde ich Seefahrer.»

Da musste der ganze Hof lachen.

Und Colombin rannte weg, fort aus dem Saal und schrie: «Ich werde ein Land entdecken, ich werde ein Land entdec­ken!

Die Leute schauten sich an und schüttel­ten die Köpfe, und Colombin rannte aus dem Schloss, durch die Stadt und über das Feld, und den Bauern, die auf den Feldern standen und ihm nachschauten, rief er zu: «Ich werde ein Land entdec­ken, ich werde ein Land entdecken!»

Und er kam in den Wald und versteckte sich wochenlang unter den Büschen, und wochenlang hörte niemand etwas von Colombin, und der König war traurig und machte sich Vorwürfe, und die Hof­leute schämten sich, weil sie Colombin ausgelacht hatten.

Und sie waren froh, als nach Wochen der Wächter auf dem Turm die Fanfare blies und Colombin über die Felder kam, durch die Stadt kam, durchs Tor kam, vor den König trat und sagte: «Mein König, Colombin hat ein Land entdeckt!» Und weil die Hofleute Colombin nicht mehr auslachen wollten, machten sie ern­ste Gesichter und fragten: «Wie heisst es denn, und wo liegt es?»

«Es heisst noch nicht, weil ich es erst ent­deckt habe, und es liegt weit draussen im Meer», sagte Colombin.

Da erhob sich der bärtige Seefahrer und sagte: «Gut, Colombin, ich, Amerigo Vespucci, gehe das Land suchen. Sag mir, wo es liegt.»

«Sie fahren ins Meer und dann immer geradeaus, und Sie müssen fahren, bis Sie zu dem Land kommen, und Sie dürfen nicht verzweifeln», sagte Colombin, und er hatte fürchterlich Angst, weil er ein Lügner war und wusste, dass es das Land nicht gibt, und er konnte nicht mehr schla­fen.

Amerigo Vespucci aber machte sich auf die Suche.

Niemand weiss, wohin er gefahren ist.

Vielleicht hat auch er sich im Walde ver­steckt.

Dann bliesen die Fanfaren, und Amerigo kam zurück.

Colombin wurde rot im Gesicht und wagte den grossen Seefahrer nicht anzuschauen. Vespucci stellte sich vor den König, blin­zelte dem Colombin zu, holte tief Atem, blinzelte noch einmal dem Colombin zu und sagte laut und deutlich, so dass es alle hören konnten: «Mein König», so sagte er, «mein König, das Land gibt es.»

Colombin war so froh, dass ihn Vespucci nicht verraten hatte, dass er auf ihn zulief, ihn umarmte und rief: «Amerigo, mein lieber Amerigo!» Und die Leute glaubten, das sei der Name des Landes, und sie nannten das Land, das es nicht gibt, «Amerika». «Du bist jetzt ein Mann», sagte der König zu Colombin, «von nun ab heisst du Kolumbus.»

Und Kolumbus wurde berühmt, und alle bestaunten ihn und flüsterten sich zu: «Der hat Amerika entdeckt.»

Und alle glaubten, dass es Amerika gibt, nur Kolumbus war nicht sicher, sein gan­zes Leben zweifelte er daran, und er wagte den Seefahrer nie nach der Wahrheit zu fragen.

Bald fuhren aber andere Leute nach Amerika und bald sehr viele; und die, die zurückkamen, behaupteten: «Ame­rika gibt es!»

«Ich», sagte der Mann, von dem ich die Geschichte habe, «ich war noch nie in Amerika. Ich weiss nicht, ob es Amerika gibt. Vielleicht tun die Leute nur so, um Colombin nicht zu enttäuschen. Und wenn zwei sich von Amerika erzählen, blinzeln sie sich heute noch zu, und sie sagen fast nie Amerika, sie sagen meistens et­was Undeutliches von ‹Staaten› oder ‹Drüben› oder so.

Vielleicht erzählt man den Leuten, die nach Amerika wollen, im Flugzeug oder im Schiff die Geschichte von Colombin, und dann verstecken sie sich irgendwo und kommen später zurück und erzählen von Cowboys und von Wolkenkratzern, von den Niagarafällen und vom Missis­sippi, von New York und von San Francisco.

Auf jeden Fall erzählen alle dasselbe, und alle erzählen Dinge, die sie vor der Reise schon wussten; und das ist doch sehr verdächtig. Aber immer noch streiten sich die Leute darüber, wer Kolumbus wirklich war. Ich weiss es.»

Das Lied


Peter Bichsels Geschichte vermittelte mir die Band Züri West auf ihrem gleichnamigen Album. Darauf stand «Amerika git's nid» im Schatten von «Ich schänke dir mis Härz». Der Hype um Letzteres führte bei mir damals zu erhöhter Aufmerksamkeit für Ersteres. Inzwischen schätze ich auch den gehypten Song des gelben Albums.




Die Lüge


Hier, ganz am Ende, muss ich nun so richtig lügen. Das fällt mir nicht so leicht, wie gedacht. Einfacher war's als Kind im Beichtstuhl, als ich Sünden erfand, weil mir keine in den Sinn kamen. Lüge! Mir kamen welche in den Sinn, aber ich reicherte sie mit erfundenen Sünden an in der Hoffnung, nach der Beichte etwas länger auf den Knien beten zu dürfen. Gelogen?

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