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Vorsicht mit der Masse

Glarus versucht den Besucherstrom ins Klöntal zu bremsen – treffender: Die Blechlawine, die bei schönem Wetter an Wochenenden über die Naturperle rollt.


Im neuen Verkehrskonzept der Gemeinde Glarus geht es um Dinge wie Markierung, Verkehrsführung und den Ablauf mit der Polizei, falls Zufahrtsbeschränkungen nötig werden – also um die Bekämpfung der Symptome. Die ÖV-Verbindung ins Klöntal lässt der Kanton zusammen mit allen anderen touristischen Buslinien bis auf weiteres eingestellt.



Auf Motorfahrzeuge ausgerichtete Verkehrskonzepte und stillgelegte touristische ÖV-Linien retten die Glarner Naturperle – bei allem Verständnis für die Komplexität der Situation und mit allem Respekt für die Arbeit, die dahintersteckt: Das geht nur dann nicht schief, wenn es einen verregneten Sommer gibt. Konzepte, die sich nur am motorisierten Individualverkehr ausrichten, fördern ihn sogar.



Der Kollaps im Freizeitverkehr ist auch deshalb vorprogrammiert, weil wir Einheimischen keine Vorbilder sind. Wie wollen wir dem Besucherstrom glaubhaft machen, dass er nicht mit dem Auto über uns rollen soll, wenn wir selber primär damit unterwegs sind?



Heute fahren doppelt so viele Personenwagen auf Schweizer Strassen wie vor 40 Jahren. Auch in Glarus haben sie sich von 11'350 (1980) auf 23'773 (2019) auf das Doppelte erhöht. Mit Blick auf die Schweiz hat das nur wenig und mit Blick auf Glarus gar nichts mit dem Bevölkerungswachstum zu tun. Im Glarnerland leben heute nur 2’000 Menschen mehr als in den Achtzigerjahren, es sind aber über 12'000 Personenwagen mehr registriert.


Während wir uns an den Auswärtigen stören, die am Wochenende die Zufahrt zum Klöntal oder zum Obersee verstopfen, bleiben die Stimmen stumm zu den 20'000 grösstenteils Einheimischen, die jeden Tag durch die Stadt Glarus donnern – in Näfels und Mitlödi sind es 10'000.



Den täglichen Kollaps können wir dann verhindern, wenn viele von uns beginnen, einen Alltag ohne Auto auszuprobieren. Hilfreich auf diesem Weg können durchaus Konzepte im Freizeitbereich sein, die sich an Fussgängern und Velofahrern ausrichten.


Konzepte also, bei denen das Auto, egal mit welchem Nummernschild, nur dann Vorfahrt hat, wenn es unbedingt sein muss – also für Rettungskräfte, Anwohner, Lieferanten, Fahrdienste und Ausflügler, die sich aus gesundheitlichen Gründen nur mit dem eigenen Auto bewegen können.



Solange aber «autofrei» im Glarnerland ein Schimpfwort bleibt – ausser man badet gerade sein Gesicht an der Sonne in Braunwald autofrei, das man natürlich bis zur Talstation, direkt an der Bahnlinie gelegen, mit dem eigenen Auto angepeilt hat –, wird es wieder und wieder zum Kollaps in der Natur und den Ortschaften kommen.


Während der Pandemie sind Massenaufläufe ungünstig. Konzepte für den Autoverkehr führen aber genau dazu. Das heisst: Wir müssen den Mut haben, unsere Naturperlen nicht erst dann für den Autoverkehr zu sperren, wenn sie voll sind.


Es braucht autofreie Tage, um Gäste anzulocken, die ressourcenschonend und platzsparend bei uns sind. Die Lage ist gerade ausserordentlich genug für wirklich ausserordentliche Entscheide – schliesslich ist der drohende Verkehrskollaps auch ein drohender Kapazitätsengpass für die Natur und die Ortschaften.



Ich finde deshalb, die Junge SVP sollte sich nicht schon jetzt mit dem Klöntal-Konzept zufriedengeben. Es sei denn, sie überlässt die Forderung nach einer tatsächlichen Lösung jemand anderem.


Update: Am 8. September 2020 haben die Jungen Grünen und Grünen des Kantons Glarus den Memorialsantrag «Slow Sundays im Klöntal» eingereicht. Der Regierungsrat hat ihn am 24. November 2020 für zulässig erklärt.


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Junge Grüne Glarus Memorialsantrag 05
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Quelle: Diesen Beitrag durfte ich ursprünglich als Leserbrief in den Südostschweiz Glarner Nachrichten publizieren.

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