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Dunkle Gesellen

Zur längsten Nacht des Jahres erscheinen lange hängengebliebene Erinnerungen und Gedanken – der perfekte Zeitpunkt für den Versuch, die Gefühle dahinter zurück in den Fluss der Liebe zu bringen.



Ja, es ist Schlager, und ja, Luca Hännis Version (2018) berührt mich, wie es zuvor weder das Original (1963) von Roy Orbison noch die deutschen Versionen von Danny Marino (1963), Paola (1978), Nana Mouskouri (1978) oder Andy Borg (2011) geschafft haben.


Den Doktor in der Liebe machen ist so eine Sache. Es kommen laufend Weiterbildungsgänge dazu. Die Auswahl an Spezialgebieten scheint endlos. Im Juni ging es noch um Love Bombing, Gaslighting und Ghosting. Zur Wintersonnenwende kommen weitere dunkle Gesellen dazu.


Der Sommer ist vergangen


Im Sommer war es schon recht dunkel um mich. Es war erst das Eindunkeln. In der darauffolgenden Nacht liefen sich dunkle Gesellen über den Weg, die sich zuvor anvertrauten, sich aber später verirrten, bis jeder nur noch seinen eigenen Weg suchte.


Im Nebel


Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein.

Kein Baum sieht den andern.

Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt, als noch mein Leben licht war.

Nun, da der Nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt,

das unentrinnbar und leise von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern.

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern.

Jeder ist allein.


Hermann Hesse


In der Dunkelheit tun sich Herz und Kopf idealerweise zusammen. Achten sie aufeinander, können sie zum Dreamteam werden.



Trotzdem habe ich beide – das Herz und den Kopf – verloren; und einen Ohrring. Worte wie «du hast was bei mir verloren» und «man muss sich nicht immer alles verdienen» gehören zu den hängengebliebenen guten Erinnerungen, anhand derer ich mich versöhnen will.


Extra und Intro


Den Anfang machen zwei dunkle Gesellen, mit denen ich einigermassen zurechtkomme. Ob jemand nur extra- oder introvertiert sein kann, weiss ich nicht. Ich bin extravertiert, behaupte ich aus der Hüfte heraus. Nach dem Blick auf meine favorisierte Psycho-Seite habe ich Anteile von beidem.


Das Gehirn von extravertierten Menschen ist auf den Botenstoff Dopamin (Kick) und das von introvertierten Menschen auf Acetylcholin (Rückzug) aus. In meiner gefühlten Extraversion macht mich die Begegnung mit potenzieller Introversion ungeduldig; das kann auf das Gegenüber übergriffig wirken. Umgekehrt kann ich einem introvertierten Gegenüber schlecht vertrauen.



Eher introvertierte Menschen nehmen mehr Informationen auf und filtern anders; das führt zu Überreizung. Dagegen lassen sich eher extravertierte Menschen gerne von neuen Eindrücken füttern, verarbeiten Informationen schneller und sind geradezu auf sie angewiesen. Die Kommunikation zwischen den deiden kann recht anspruchsvoll werden.


Angst und Übermut


Noch einen Zacken anspruchsvoller begegnen sich die Angst und der Übermut. Ich behaupte oft salopp, dass ich keine Angst hätte. Das stimmt natürlich nicht. Zum Beispiel kenne ich Panikattacken. Aber vor der Liebe habe ich keine Angst.


Mischt bei der Liebe trotzdem die Angst – vor Verletzung, vor Entblössung, vor Verbindlichkeit, vor Hingabe, vor Verlust, vor Überforderung oder vor was auch immer – statt der Mut mit, wird es anstrengend.


Klar passiert es ab und zu, sich seiner Liebe nicht ganz sicher zu sein, weil nicht klar ist, was sie mit sich bringt. Was ist schon ganz sicher? Dann hilft Reden ohne unnötige Scham oder falsche Rücksichtnahme, um den anderen nicht zu verletzten – weil Schweigen (ganz sicher) den anderen verletzt und in die angstmachende Ausweglosigkeit katapultiert.



Schon beim Doktor in der Liebe machen ging es darum, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Liebesrucksäcke mit sich tragen. Was mich betrifft, will ich mich der Liebe nicht verschliessen – trotz Niederlagen, an die ich mich mit Worten wie «du kannst mich emotional nicht erpressen» oder «du hast mein Vertrauen missbraucht» erinnere.


Habe ich ein offenes Gegenüber, bin ich einerseits entspannt; andererseits können dann auch mich die erhaltenen Informationen temporär überfordern. Aber dann fliesst die Energie hin und her. Ist das Gegenüber verschlossen, mache ich alle Türen auf, damit es jederzeit eintreten kann. Das öffnet die Verschlossenheit des Gegenübers nicht unbedingt und birgt schrankenlosen Energieempfang mit entsprechendem Verzweiflungspotenzial bei mir.


Die Psychologie unterscheidet zwischen Angst als Zustand und als Eigenschaft. Sie wirkt sich als Gefühl des Entsetzens und der Ausweglosigkeit aus. Die Angst vor der Angst ist also mit Kontrolle verbunden. Angst kann aber auch eine mobilisierende Emotion sein. Besondere Phänomene sind Angstlosigkeit und Angstlust.


In den meisten Fällen lässt sich eine Angststörung psychotherapeutisch behandeln. Bei starken Ausprägungen kommen auch Seratonin-Wiederaufnahmehemmer ins Spiel. Die Antidepressiva erhöhen die Seratonin-Konzentration im Gehirn und haben auch Nebenwirkungen. Der Botenstoff Saratonin gilt, wie Dopamin, als Glückshormon.



Den Wunsch nach Deaktivierung oder Kontrolle eines körperlich-seelischen Vorgangs kenne ich. Ich erfülle ihn mir akut mit Schmerzmitteln. Dadurch kenne ich es auch, dass der Griff zu Medikamenten die Massnahmen auf anderen Ebenen – also den ganzheitlichen Umgang mit dem gesundheitlichen Problem – tendenziell vertagt. Im schlimmeren Fall führt es zu Sucht und Abhängigkeit.


Narzissmus und Empathie


Mit den nächsten beiden wird's ganz dunkel. Jemanden einen Narzissten zu nennen oder die Schuld an einer Situation auf den Narzissmus (des anderen) zu lenken, ist ziemlich en vogue. Ich kann (oder will) das nicht, weil ich von der Schuldfrage wenig halte und schon meinen eigenen narzisstischen Anteilen und der Fähigkeit, solche auch bei anderen zu wecken, begegnet bin.


Gespräche über Narzissmus handeln meistens auch von toxischen Beziehungen. So steht dem Narzissmus zum Beispiel die Empathie gegenüber. Landläufig ist der Narzisst der böse und der Emphat der gute Teil einer Beziehung. Mir ist dieser Gedanke zu einfach. Die Rollen können wechseln – das zeigt sich zum Beispiel bei der Verletztheit, die auch bei einem Empathen narzisstisch sein kann.


Eines der vielen Videos über Narzissmus erhielt ich beim Eindunkeln zugespielt. Ich hätte es als Hinweis darauf erkennen können, dass die Nacht hereinbricht. Es ist seither das einzige Video über dieses Thema geblieben, das ich wirklich interessant finde.



«Wenn man versucht, sich aus einer Partnerschaft mit einer narzisstischen Person zu lösen, muss man schauen, was sind denn meine eigenen Anteile?» Quelle: Psycho / arte

Laut verschiedener Theorien kann es sein, dass ein erwachsener Narzisst in der Kindheit stark verwöhnt wurde. Es kann aber auch sein, dass er sich als Kind stark beweisen musste. Ich interpretiere das so, dass Narzissmus mit der Sozialisierung zusammenhängen kann. Weitere Theorien besagen, Narzissmus sei angeboren; so sei die narzisstische Persönlichkeitsstörung zu 50 Prozent genetisch vererbbar.


Und die vermeintlich Guten? Empathie ist die Fähigkeit, Stimmungen, Gedanken und Verhaltensweisen anderer Personen zu erkennen, diese zu verstehen und nachzuempfinden. Empathen empfinden also viel Mitgefühl. Je nach Charakter, kann das den Empathen zur Manipulation verführen. Ein Instrument, das auch der Narzisst anwendet.


Der Winter kann kommen


Der eine oder andere Geselle tummelt sich zwar noch in der Dunkelheit herum. Nach der Wintersonnenwende werden die Tage nun wieder länger, und der Winter wird wirklich zum Winter, der vielleicht erstmal Ruhe und Erholung bringt.


Am Ende der zweiten Staffel meines autobiografischen Märchens taucht auch Eisbär aus der Dunkelheit der Tiefe zum Tageslicht auf – direkt vor die Reifen und die Kühlerhaube eines Vierzigtönners. Diesen Winter geht es weiter mit der dritten Staffel.


Nichts


Keine Angst. Kein Zögern. Keine Mühe.

Keine Sorgen. Keine Ahnung. Kein Schlaf.

Keine Musik. Keine Politik. Kein Verständnis.

Keine Lust. Keine Umarmnung. Kein Kuss.

Keine Zeit. Kein Wort. Keine Schuld.

Keine Fresse. Kein Interesse.

Keine Liebe. Keine Erinnerung.

Nichts.


Eisbär (2023)



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