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Durch die Ohren zur Seele auf den Boden

Die letzten Monate waren vollgepackt mit allem Möglichen, das verunsichert, beunruhigt oder wütend macht. Hört sich recht mies an, muss es aber nicht. Einer, der dieser miesen Zeit etwas Heilendes entgegensetzt, ist Rainer Hartmann.


Akustik Konzert Stadttheater Kempten 2019 | Bild: Matthias Becker


Vor zehn Jahren traf ich in der Sendung aus Schwaben und Altbayern des Bayerischen Rundfunks auf Rainer Hartmann und seine Bands. Schon der Künstlername zieht an und ist ein Kunstwerk für sich: Rainer von Vielen.


Eigensinn, Genregrenzen sprengen, Wortkunst, Grips, Kehlkopfgesang, tanzbarer Protest – das und alles, was es mit mir macht, haben mich von Anfang an gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Zum Glück.



Ende Dezember 2020 bin ich über ein Crowd Funding auf Hartmanns Soloprojekt Healing Source gestossen. In der Süddeutschen Zeitung sagt er dazu: «Gerade in solchen Umbruchsituationen ist Transzendenz wichtig, weil wenn sich aussen so viel ändert, kann das Bedürfnis nach Klarheit und Halt nur von innen gestillt werden».



Seit dem Crowdfundig habe ich mir noch etwas mehr Musik von ihm besorgt – und irgendwie entwickelte sich aus dem administrativen Vorgang ein angenehm persönlicher E-Mail-Kontakt mit Rainer. Eine ungewöhnliche Nähe, die ich als zurückhaltender Fan zwar nicht erwarte, mich aber mehr berührt, als ich dachte. Ziemlich schön jedenfalls.



Rainers Worte zu Werners Fragen


Ziemlich schön auch, dass ich Rainer ein paar Fragen stellen durfte, um seine Antworten bei der dreizehnten Fee zu teilen. Sich und sein Schaffen fasst er auf Oriom zusammen.


Weihnachtskonzert 2018 | Bild: Peter Roth, Obergünzburg


Für mich ist das, was ich von dir kenne, nicht einfach unterhaltend, es bewegt mich zu allem Möglichen. Deine Bands, eigenen Projekte – Musik, Grafik und Film – und dann noch inklusive politisches Engagement, Humor, Poesie. Wie bringst du das alles zusammen?


Ich denke, die Vielseitigkeit entsteht aus einem kindlichen Spieltrieb heraus, den ich mir immer erhalten habe.


Ich entdecke etwas – ein Instrument, einen Klang, ein Thema, ein Motiv, eine technische Komponente, die mich berührt oder interessiert – und dann verbinde ich das wiederum mit allem, was ich bisher schon an eigenen Ausdrucksformen an mir entdeckt habe.


So entsteht Neues und mein Spektrum wächst. Jede neue Richtung inspiriert auch wieder die anderen Projekte an denen ich arbeite.


Am Musikmachen schätze ich am meisten, den Entstehungsprozess ganz am Anfang, wenn aus einer Idee eine Aufnahme, etwas Greifbares wird. Das hat für mich immer etwas Magisches.



Vor zehn Jahren habe ich deine Musik kennengelernt. Von Anfang an hat mich die Kombination aus Wortkunst , Substanz und Sound fasziniert. Wie kommst du zu deinen Texten?


Die Texte entstehen oft als kurze Audioaufnahmen und Ideenfragmente, wenn ich unterwegs bin. Dann sammle ich die Ideen zusammen und schau, was nach ein paar Runden Abstand noch übrig bleibt.


Manche Fragmente ergänzen sich. Um andere Ideen schreibe ich dann einen kompletten Text herum. Es kann aber auch vorkommen, dass ich einen Text aus einer Idee heraus in einem zu Papier (oder zu Computer) bringe.


Mir ist es wichtig, bei Texten Formulierungen zu finden, die ich als zeitlos empfinde.



Seit einer Weile engagiere ich mich für weniger Lärm. Der Fokus liegt auf (unnötigem) Motorenlärm – zum Beispiel von Sportwagen und Motorrädern. Einige Menschen nennen das Musik. Wo hört für dich der Klang auf und fängt der Lärm an?


Für mich ist das eine Frage der Intention. Wenn Lärm in einem Rahmen des künstlerischen Ausdrucks eingesetzt wird und nicht als Nebenprodukt des eigentlichen Nutzens – wie bei Motorenlärm – entsteht, dann kann ich Lärm auch etwas abgewinnen.


Wobei bei Musik Lärm oft mit Lautstärke gleichgesetzt wird. Und dann kommt die geschmackliche Komponente hinzu. Da finde ich das englische Wort Noise im künstlerischen Sinne auch passender, weil es weniger wertend ist.


Noise als Ausdruck eines inneren oder äusseren Vorganges wie Wut, Chaos, Dissoziation, Irritation, Rebellion oder Überlastung finde ich als Stilmittel in der Musik oder der Kunst unerlässlich.



Hin an die Konzerte und ran an die Platten


Seit diesem Wochenende sind in der Schweiz die Massnahmen gegen das Coronavirus gelockert. Auch Clubs können mit Bedingungen wieder öffnen. Vieles wird wieder möglich.


Diese Woche ist auch Rainer von Vielen nach zehn Monaten wieder mit der ganzen Band aufgetreten. Und es stehen weitere Konzerte auf dem Plan – Stand heute am 1. Juli in Memmingen, am 16. Juli in Kempten und am 25. September in Donauwörth.


Auch Orange ist wieder auf Tour: Im Juli in Nürnberg und in Fulda, im August in Taucha und in Herbstein. Die eine oder andere Location könnte durchaus auch gleich zur nächsten Ferienreise führen.


Ferien in Deutschland kann ich jedenfalls wärmstens empfehlen – dazu aber ein andermal.



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