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Gewaltig liebevoll

Wer Kunstschaffen Glarus 2023 (M–Z) nicht verpassen will, hat noch bis am 11. Februar Zeit. Heute geht's um ein Kunstwerk, das alle verpassen – unabhängig davon, ob sie die Ausstellung besucht haben (werden) oder nicht.


Es ist schon eine Weile her, seit Kunstschaffen Glarus (M–Z) am 3. Dezember angefangen hat. Eine etwas kürzere Weile her ist mir Marck im Wiggispark aufgewühlt begegnet. Ein paar Tage später sassen wir bei ihm in Filzbach zusammen am Tisch. Der international erfolgreiche Videokünstler servierte einen leckeren Hörnliauflauf mit Gemüse und erzählte mir, was ihn aufwühlt(e).



Eigentlich wollte auch Marck im Kunsthaus Glarus ausstellen – sein Name liegt im Buchstabenspektrum von M bis Z. Doch seine Idee kam nicht an: ein Kind, eine Waffe. Marcks Kunstwerke stossen üblicherweise aus anderen Gründen auf Ablehnung.


Für seine Videoskulpturen mit vorzugsweise weiblichen Modells erntet er nicht selten den Sexismusvorwurf. «Wenn ich für Galerien arbeite, geht es um Werke, die sich verkaufen lassen», erklärte mir Marck, «an Ausstellungen dagegen gehören wirklich ungemütliche Arbeiten, die lassen sich in der Regel nicht verkaufen.»



So wirklich ungemütlich ist das, was Marck zeigen wollte. Er wollte damit Gedanken und Diskussionen über Kinder im Krieg auslösen. Marck war einer der Ersten im Glarnerland, der ukrainische Flüchtlinge aufnahm, und deshalb beschäftigte ihn eine Bemerkung bei einer Begegnung im Sommer im Kunsthaus Glarus: «Weisch, de Selenskyi isch im Fall korrupt!» 


Marck erzählte mir zum leckeren Hörnliauflauf, dass niemand in der Runde darauf reagierte: «Solcher Whataboutism geht mir auf den Keks! Wir brauchen echte, tiefe Auseinandersetzung. Künstler:innen haben den Job, Gefühle auszulösen, alles andere ist Dekoration.»


Kurzerhand installierte Marck in seiner gemütlichen Mischung aus Atelier und Wohnzimmer den Entwurf seines geplanten Kunstwerks und schon wurde es ungemütlich. 



Während der ganzen Weile, in der ich mir Gedanken machte, wie ich einen Beitrag über Kinder im Krieg in den Kulturblog bringe, stiess ich eines Morgens im Zug auf eine Gratiszeitung. Ohne die Absicht, darin wirklich zu lesen, blieb ich bei einem Artikel über blutende Teddybären auf dem Zürcher Sechseläutenplatz hängen.


Laut Stadtpolizei wurden die Plüschtiere entfernt, um die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Die mediale Aufmerksamkeit für die künstlerische Mahnwache hatte dennoch ihre Wirkung. 


Auch bei den blutenden Teddybären ging es um Kinder in einem Krieg. Mich persönlich wühlte beim Lesen des Artikels auf, dass die Aktion Kinder nach ihrer Herkunft unterschied. Too much Information – hätte ich das Ganze live und unerklärt gesehen, hätten sich vielleicht andere Gedanken entwickelt.


Ich erinnerte mich dabei aber auch an Marcks ungezeigte Installation und fragte mich, wie Kunst die Situation von Kindern im Krieg zeigen und dabei genug Emotion auslösen kann, damit die Auseinandersetzung damit nicht bei Bemerkungen wie «Weisch, de Selenskyi isch im Fall korrupt!» endet. Es blieb also schwierig, diesen Kulturblog-Beitrag zu schreiben.


Genug oder zuwenig emotional? Kinder in einem iranischen Flüchtlingslager – ohne blutende Teddybären oder auf sie gerichtete Waffen. Bild: Jonathan Ramhalo

Schwierig blieb es bis vor wenigen Tagen, als ich mich in einer Beiz in einer ähnlichen Situation wie Marck im Sommer im Kunsthaus wähnte. Es ging um «faule Leute, die nicht arbeiten wollen» und darum, dass man sie nicht unterstützen dürfe.


Ich fragte in die Runde, was man denn über diese Menschen und deren Geschichten wisse, um ihr Verhalten zu verurteilen? So etwas dürfe man nicht tolerieren und man müsse sie abtun, hiess es weiter. Worauf ich fragte, ob man sie also umbringen müsse? Ein verunsichertes Irgendwas folgte und die Bitte, jetzt nicht mehr darüber zu diskutieren.



Dass mich diese Situation auch zwei Tage später noch beschäftigt, macht mich ein bisschen zuversichtlich, dass auch bei meinem Gegenüber etwas hängen geblieben ist. Zum Beispiel dass die «faulen Menschen» vielleicht von kleinauf ein schwieriges Leben hatten – nicht zwingend, aber vielleicht sogar als Kind in einem Krieg.


Gut möglich, dass Marcks ungezeigtes Werk in diesem Fall mitspielt. Danke Marck. Wer übrigens Kindern in Not helfen will, kann zum Beispiel mit einer Spende an Save Childern Schweiz beginnen.


Kunstschaffen Glarus (M–Z) noch bis am 11.Februar 2024


Zurück zu den gezeigten Werken im Kunsthaus Glarus: Kunstschaffen Glarus 2023 (M–Z) läuft noch bis am 11. Februar. Wer darüber lesen will, findet weitere Beiträge zur Ausstellung und zu den Künstler:innen im Kulturblog der Glarner Agenda.


Im Dialog mit Kunstschaffenden von Eduard Hauser, 19. Januar

Nachtklänge von Werner Kälin, 18. Dezember

Konzerte Kollektiv «Tunnel» von Eduard Hauser, 4. Dezember

Dialogführung von Eduard Hauser, 4. Dezember

Vernissage von Eduard Hauser, 29. November


Das Lied zum Schluss


Den Protestsong Zombie (1994) der irischen Band The Cranberries hat Dolores O’Riordan geschrieben. Der Text über den Nordirlandkonflikt entstand in Erinnerung an zwei Kinder (Jonathan Ball und Tim Parry), die bei einem Bombenanschlag der IRA um's Leben kamen.


Wesentliche Passagen beziehen sich auf den Osteraufstand gegen die britische Besatzung in Irland von 1916 – die blutigen Tage, die Irland veränderten – und seine traumatischen Folgen.



In der Zeit, als Zombie herauskam, zog es mich immer wieder nach Irland. Gleichzeitig beschäftigten mich als junger Erwachsener die Jugoslawien-Kriege (1991–2001) so sehr, dass ich im darauffolgenden Frieden begann, nach Slowenien, Kroatien, Montenegro und Serbien zu reisen, und Serbokroatisch lieben und sprechen lernte.


Quelle: Dieser Beitrag ist ursprünglich im Kulturblog der Glarner Agenda erschienen.


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