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Wir sind die anderen

Eigentlich kam ich mal zum Schluss, dass mir meine Texte zu schade sind für Facebook. Kurze Zeit später entstand die dreizehnte Fee als Blog. Manchmal schreibe ich trotzdem noch Kommentare auf Facebook. Einer davon gehört hier her.


Es geht um ein Video, das ich am 21. Dezember 2021 auf Facebook gepostet fand. Es handelt von der Beziehung der Demokratie zu ihren Wutbürger:innen. Ich benutze bewusst ein anderes Wort als im Videotitel, weil für mich als schwuler Mann «quer» oder eben «queer» eine besondere, prägende Bedeutung für mein Denken hat und für Vielfalt steht.



Wichtig beim Einsatz von Worten ist, dass wir es nicht zulassen, an sich neutrale, beschreibende Ausdrücke an eine Wertung von Gut und Böse zu verlieren. Das passiert sprachlich immer wieder, in diesem Fall betrifft es mich persönlich – weil mein Quersein mich dazu geführt hat, Situationen stets auch aus der Perspektive von Minderheiten zu betrachten. Für diese angenehme Nebenwirkung (m)eines schwulen Lebens bin ich so richtig dankbar.


Die Poesie von Sarah Bosetti sagt mir dennoch sehr zu. Wutbürger:innen gab es allerdings schon lange vor der Pandemie. Nicht nur solche, die Asylzentren in Deutschland attackierten, auch hier bei uns vor der Haustüre, wenn zum Beispiel die Parkierung neu organisiert wird und plötzlich Velobügel in der kleinsten Hauptstadt stehen.



Ein kleiner und lauter Teil der Glarner:innen ging so richtig auf die Barrikaden oder wurde medial auf sie getrieben, nur weil ein alter Zopf abgeschnitten wurde und Reichweite ein Aussicht stand. Im Vergleich zu den grossen gesellschaftlichen Transformationen, in denen wir mittendrin stecken, eine Lappalie. Die Aggression beruht aber auf dem gleichen Ursprung: Der Angst vor der Veränderung (die bereits im Gange ist). Zudem steckt dahinter das gleiche Risiko: Die Gefahr der Gewohnheit.


Zurück zur Beziehung der Demokratie zu ihren Wutbürger:innen. Sie sind Teil der Demokratie selbst – das drückt Sarah Bosetti deutlich aus. Wir kommen also nicht um einen Umgang mit «ihnen» herum. Ich stelle dabei zuerst einmal die Frage: Wie kommen wir dazu, «sie» zu gruppieren? Oder anders gefragt: Wie war das mit dem ersten Stein, der geworfen werden soll?



Vermutlich steckt in jeder und jedem von uns auch ein:e Wutbürger:in. Angst und Unsicherheit gehören zum Repertoire der menschlichen Gefühle. Ich befürchte aber, wir retten die Demokratie nicht, indem wir unsere ganze Kraft dafür verwenden, eine Gruppe zu bekämpfen, die wir selbst als Schuldige kreieren und die höchstens ein Symptom ist.


Wir müssen aufmerksam im grossen Ganzen sein und uns unserer individuellen Rolle auf der Welt bewusst werden. In einer von Angst geprägten Atmosphäre ist das besonders anspruchsvoll für den einzelnen Menschen, weil Angst zur Fragmentierung der Wahrnehmung führt. Wenn die Menschen sich aber ihre eigene Rolle auf der Welt bewusst machen, heisst das auch, dass sie für ihren Auftritt bereit sind.


Um dieses Thema geht es in der Podcast-Folge vier von Zeit&Geist mit Soziologe Dirk Helbing. Er ist Professor für Computational Social Science am Department für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften und Mitglied des Informatikdepartements der ETH Zürich. Die Folge dauert gut 40 Minuten und es lässt sich ein ganzer Krug warmer Tee dazu trinken, um sich immer mal wieder zu verschlucken.


Wem das zu lange ist, die:der kann sich weniger als vier Minuten lang von einem meiner tausend Lieblingslieder berieseln lassen, etwas dazu tanzen und sich ein bisschen der Liebe in sich und den anderen zuwenden.



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