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Asaf

Aktualisiert: 26. März

Ein monatsletzter Sonntag jagt den anderen. Die Jagd danach, wieder was über queere Musiker:innen herauszufinden, ist zum Glück total wohltuend.


Im Februar stosse ich auf Asaf Avidan. Den Sohn israelischer Diplomaten wollte ich mir eigentlich für ein Andermal aufsparen.



Ob Asaf queer ist, weiss ich nicht. Und ich bleibe mal beim Pronomen er. Sein Ausdruck wirkt auf mich genderfluid. Ich mag diese Sichtbarkeit.


Erst bei der Recherche zu diesem Artikel wird mir klar, dass sein ursprünglicher Hit die Hymne der Polyamorie ist. Mich berührte das Lied zwar schon immer genau in diesem Punkt. Weil mir die Disco-Version aber nicht gefiel, schaute ich mir das Video dazu nie an. Es gibt auch eine Nachtversion davon.



Asafs eigene Version gefällt mir besser. Mit ihr werde ich diesen Artikel abschliessen. Dazwischen ist er aber mit einer Vielfältigkeit unterwegs, die ich auch hier zeigen will. Zusammen mit meinen Gedanken, die mir dabei über den Weg laufen. Dauert aber noch ein Weilchen.


Wie ich auf Asaf gekommen bin, weiss ich nicht mehr genau. Es ist noch nicht so lange her, nicht wegen seines Hits, und trieb mich zum Kauf seiner Platten an. Er singt laut taz am liebsten über Liebe. Lea Hampel schrieb vor 16 Jahren von einem seiner Konzerte in Tel Aviv: «Und obwohl der Mann seinen Mund bewegt und aus den Lautsprechern eine Stimme tönt, ist da eine Wahrnehmungslücke: Frauenstimme, Männerkörper.»


Asafs Stimme hört sich für mich zwar nicht unbedingt wie eine Frauenstimme an, sie ist aber besonders und irgendwie unberechenbar. Auch am Konzert vor 16 Jahren, das keine 70 Kilometer vom Gazastreifen entfernt stattfindet, singt Asaf über Liebe.



Keine Frage: Ich fahre auf Asafs Lieder ab. Inzwischen, 16 Jahre nach Leas Interview, wirken Asafs Musik und Herkunft auf einer politisch-emotionalen Ebene heilsam auf mich. Es tut mir gut, etwas Schönes aus Israel in meinem Leben zu haben. Das hält mich davon ab, Menschen zu verurteilen, die ich nicht kenne und die zufällig in einem Land leben, deren Regierung ihre Macht missbraucht, Gewalt ausübt und Krieg führt.


Weil Asafs Lieder nicht politisch seien, wäre er auch nicht der Richtige, sich über Politik zu äussern, sagt Asaf im Interview mit Lea. Und sein Bruder und Manger: «Wir sind zufällig Israelis, aber hauptsächlich Künstler.» Im November 2023, kurz nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober, spricht er mit der Schweizer Illustrierten doch über Politik und seine Haltung zu Gewalt und Krieg.


«Es ist wie bei einem Kind, das einen Wutanfall hat. Du musst ihm Raum geben, es umarmen, einfach da sein. Du musst die Tatsache akzeptieren, dass Menschen auf beiden Seiten verletzt sind, und versuchen, allen Liebe und Unterstützung zukommen zu lassen. Vielleicht sind Ausmass und Schrecken dieser Anschläge ein solches Erdbeben, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Positionen zu überdenken.» Asaf Avidan, Schweizer Illustrierte vom 11. November 2023

Inzwischen ist ein Kriegesmonster entstanden, das von der Palästinafrage ablenkt. Im Beitrag von Deutschlandfunk heisst es schon am 5. Juni 2025: «Was als Verteidigung gegen den Terror der Hamas begann, ist aus Sicht radikaler jüdischer Siedler die Chance, ihr Land zu vergrössern.»


Heute lässt Asaf bei seinen Konzerten Informationen über NGOs auflegen, in denen Israelis und Palästinenser zusammenarbeiten: «Menschen, die auf beiden Seiten Familienmitglieder verloren haben, sprechen miteinander, nicht um Rache zu üben, sondern um den Teufelskreis von Gewalt zu durchbrechen.» Überhaupt spricht sich Asaf gegen einseitige Sichtweisen aus: «Wenn du wirklich etwas verbessern willst, dann schlag dich nicht nur auf eine Seite, sondern beziehe beide Seiten ein.»


Pause: Zeit für Musik. Dieses Mal von Amy Winehouse († 23. Juli 2011). Asaf interpretiert einen ihrer Hits, der auch mich zu Amys Lebzeiten in ihren Bann zog. Asafs Version tut es auch.



Noch einmal zur Politik: Eine israelische Menschenrechtsorganisation warnt vor der Todesstrafe gegen Palästinenser:innen. Diese könnte bald eingeführt werden. Dr. Yoav Shemer-Kunz, EU-Advocacy-Officer bei B’Tselem, hat mit dem direkt-magazin.ch der SP Schweiz über die Situation vor Ort gesprochen.


«Das israelische Regime setzt seine Politik der Segregation und Entmenschlichung gegenüber den Palästinenser:innen fort. Nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland und in Ostjerusalem. Wir sprechen deshalb über Gaza nicht als etwas Getrenntes vom Westjordanland und Ostjerusalem. In Gaza ist die Gewalt zwar intensiver, folgt aber in allen Gebieten derselben Logik. Auch im Westjordanland und in Ostjerusalem findet eine ethnische Säuberung statt.» Dr. Yoav Shemer-Kunz, direkt-magazin 19. März 2026

B’Tselem, das israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, wurde 1989 gegründet. Seither dokumentiert, untersucht und veröffentlicht die israelische Organisation Statistiken, Zeugenaussagen, Videoaufnahmen, Positionspapiere und Berichte über Menschenrechtsverletzungen, die von Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten begangen werden.


Im März wird die Knesset (israelisches Parlament) über die Legalisierung der Tötung von Palästinenser:innen diskutieren und wird Israel Krieg gegen Iran und Libanon führen. Innert drei Wochen wird es im Libanon mehr als 1000 Tote geben. Das Januar-Porträt dieser Serie mit dem queeren Musiker Hamed widmet(e) sich der Lage der Menschen in Israels nördlichem Nachbarsland.


Weil es genug Krieg gibt, braucht es jetzt wieder mehr Musik.



«Her Lies» ist 2008 auf dam Album «The Reckognig» von Asaf Avidan & the Mojos erschienen. Es geht um Lüge und Schmerz einer zerbrochenen Beziehung. Mit «A Man Without a Name» besingt Asaf das Fallen und das Wiederaufstehen als anonymer Lebensreisender. Es ist 2018 auf «The Study on Falling» erschienen.



Entdeckt habe ich Asaf Avidan recht spät: 2025 mit seinem neusten Album «Unfurl». Es ist ein eher anspruchsvolles Album mit Liedern, die in sich selbst mehrere Stile vereinen. Und das bei dieser Stimme! Am meisten höre ich «Unfurling Dream». Das Video dazu ist sinnbildlich für die Reise des Albums in eine Traumwelt aus vermeintlichen Fünfzigerjahren inklusive Hitchcock-Atmosphäre.


«Ich habe das Unendliche gefunden – das Nichts: Ein Fluss voller Seelen und Toten, dem sich Lebende nicht nähern dürfen, weil sie sonst absorbiert werden. Und das Album steht für die Angst, mich darin aufzulösen. Alles, was ich will, ist, meine alte Struktur und mein vertrautes Leben zurückzubekommen.» Asaf Avidan auf NDR, 9. Oktober 2025


Sein Hit «The Reckogning Song» war natürlich auch für mich ein Ohrwurm. Dem Wankelmut-Remix von 2012 begegnete ich so gut wie sicher in der Kindersendung auf Radio SRF 1. In den Schweizer Charts war diese Version sieben Wochen lang auf Platz eins und 17 Wochen in den Top Ten.


Bei mir hinterlässt der Song nicht einfach Freude. Ja, eines Tages werden wir alt sein und viel zu erzählen haben. Aber nicht alle von uns. Die einen gehen früher, werden andere, vergessen sich – oder du sie. Also bloss nichts Wichtiges aufschieben. Stattdessen fühlen und wissen, was wirklich wichtig ist. Viel ist es vermutlich nicht – aber gross genug für einen einzelnen Menschen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, sich selbst zu werden – weil der Weg sowieso bis zum Ende geht.



Save the Date


Am 25. April 2026 besucht der Verein «Hössli Haus» die Mini.Pride in Lichtensteig. Im Toggenburg wuchs auch der erste Schweizer auf, der sich selbstbewusst als schwul bezeichnete. Mehr darüber im Buch «Der Urning – selbstbewusst schwul vor 1900». Wer weiss: Vielleicht läuft dann an der After Party auch die Wankelmut-Remix-Nachtversion von Asafs Hit.



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