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Hamed

Aktualisiert: 16. März

Letztes Jahr verführte mich der Pride-Monat dazu, die Persianer von einer Serie mit queeren Musiker:innen zu überzeugen. Sie zogen die Serie prompt weiter und versprachen ab Juli jeden letzten Sonntag im Monat eine neue Folge.


Das neue Jahr wäre die Gelegenheit gewesen, die Serie abzubrechen. Doch dann kam Hamed. Das ruft nach Fortsetzung bis mindestens zum nächsten Pride-Monat.


Auflösung unter Druck


Hamed Sinno stammt aus dem Libanon und ist offen schwul. Seine frühere Band trat für religiöse und sexuelle Freiheit ein. Laut Mannschaft-Magazin erhielten die Familien der Bandmitglieder Todesdrohungen, Konzerte im Nahen Osten wurden willkürlich abgesagt und verboten. Im Zusammenhang mit einem Konzert mit Regenbogenfahnen wurden 30 Konzertgänger:innen verhaftet.


«Die Erfahrung hat meine mentale Gesundheit belastet, ich habe zwölf Kilo zugenommen. Wir wussten, dass wir eines Tages aufgrund unserer Texte und unserer Offenheit Probleme kriegen würden. Wir rechneten aber nicht damit, dass unser Publikum die Konsequenzen tragen müsste. Es ist wie eine schallende Ohrfeige.» Hamed Sinno, Leadsänger Mashrou‘ Leila

Auch Sarah Hegazy zeigte bei einer von Mashrou' Leilas Shows die Regenbogenflagge. Die ägyptischen Behörden verurteilten sie zu drei Monaten Gefängnis, wo sie gefoltert wurde. Hegazy beantragte Asyl in Kanada und nahm sich 2020 das Leben.


Zwei Jahre zuvor kam «Are You Still Certain?» (Bist du immer noch sicher?) von Hercules & Love Affair als eine einfühlsame Ballade mit Hamed als Sänger heraus.



Mashrou’ Leila setzten sich laut SRF Kultur für sexuelle Freiheit und eine Vielfalt der Geschlechter ein. Sie singen in libanesischer Mundart gegen Gewalt an Frauen, über Religion, Terror und Korruption, vom Wunsch im Libanon eine neue Gesellschaft aufzubauen.


Jordanische Zeitungen berichteten, die Politik werfe der Band vor, den Teufel anzubeten und dass ihre Botschaft den Werten und Traditionen der jordanischen Gesellschaft widerspreche. Auch die katholische Kirche hatte Druck ausgeübt: Die Gruppe stehe für moralischen Zerfall.



Im Herbst 2022 gab Hamed bekannt, dass sich Mashrou' Leila auflöse. Konservative Kräfte in der arabischen Welt hätten es ihnen sehr schwer gemacht, in Ländern wie etwa Jordanien und sogar in Beirut aufzutreten.


Die Musiker waren nicht nur in ihrer Heimat Superstars, sondern auch international erfolgreich. Weil sie wollten, dass die Leute verstehen, was sie singen, schrieben sie auch Lieder in Englisch. «Cavalry» zum Beispiel ist ein Statement gegen die repressiven Systeme der Welt.



Gemeinsame Forderungen


Heute ist Hamed Sinno Komponist, Schriftsteller und Designer. 2024 wurde er an der Pride in New York verhaftet. Zuvor warf er künstliches Blut auf ein Fahrzeug. Die Aktivist:innen rollten ein Banner mit der Aufschrift «No Queer Liberation Without Palestinian Liberation» (Keine queere Befreiung ohne Befreiung Palästinas) auf.


Das erinnert mich an die Zurich Pride 2025. Mich zog es immer wieder zu den Palästina-Flaggen. Eine Weile ging ich neben einer Person mit dieser Fahne. Irgendwann schauten wir uns an und ich fragte sie (ihn), ob ich die Flagge tragen dürfe. Sie (er) gab sie mir vertrauensvoll in die Hand und ich schwenkte sie eine Weile. Danach gab ich die Flagge zurück und erhielt ein liebevolles Zeichen der Dankbarkeit. Ich fühlte mich glücklich.


Ein paar Wochen später gab mir ein schwuler Mann zu verstehen, dass die Palästinaflagge an einer Pride nichts zu suchen habe. Ich reagierte nicht darauf. Vermutlich dem Frieden zu liebe. Dabei hätte ich mich an Mashrou' Leilas Statement nach einer Konzertabsage orientieren können.


«Zu sagen dass eine Band nicht in Jordanien auftreten darf, weil ihre Songs von Sexualität und Homosexualität handeln oder weil sie das demokratische Recht unterstützen, gegen soziale oder politische Missstände zu protestieren, bedeutete, dass niemand, der in seinen Werken grundlegende Menschenrechte anspricht, auftreten dürfe. Das ist eine ziemlich feindselige Art, mit Menschenrechten und Demokratie umzugehen.» Mashrou' Leila

Umgedeutet auf die Frage, was die palästinensische Flagge an einer Pride zu suchen habe, heisst das für mich: Zu sagen, dass ein Zeichen, das für das Einstehen für Menschenrechte steht, nichts an einer Pride zu suchen hat, widerspricht dem queeren Gedanken grundlegend. Queersein heisst, gerade durch die eigene (potenzielle oder tatsächliche) Diskriminierungserfahrung Seite an Seite mit Menschen zu stehen, die Diskriminierung, Hass, Gewalt, Krieg und Terror ausgesetzt sind. Besonders an einer Pride wäre es eine ziemlich feindselige Art, Menschenrechte durch den Ausschluss einer Flagge, die ein Symbol für diese Rechte ist, zu treten.



Lebenslanger Reflex


Gut möglich, würde mensch mir in einer Diskussion nun die Frage stellen: Und was machst du bei all deiner Ausländer- und Muslimfreudlichkeit mit deren Schwulenfeindlichkeit? Tatsächlich wurde ich das schon mehrmals gefragt, obwohl niemand die Antwort darauf hören wollte: Mir ist kein:e schwulenfeindliche:r Muslim:in oder Ausländer:in bekannt; Pauschalisierungen sind ein rassistisches Phänomen, wovon wir uns als Gesellschaft nicht leiten lassen dürfen.

Woher ich meinen antirassistischen Reflex habe, weiss ich übrigens nicht genau. Ich habe ihn seit jeher. Meine Homosexualität hat ihn sicher noch verstärkt. Vielleicht waren es die TV-Serien, die während der Sklaverei in den USA spielten und mich faszinierten. Vielleicht waren es die Dokumenationen über den Holocaust und die Nachrichten über die Hungersnot in Äthiopien. Woher er auch immer kommt: Ich bin dankbar für diesen Reflex.


Was Hameds Heimatland angeht, befindet sich der Libanon immer wieder im Krieg mit seinem Nachbarland Israel. Ein weiterer brutaler Krieg wird bereits in wenigen Wochen eintreten. Um dem Hass gegen die Menschen des einen oder des anderen Landes etwas entgegenzusetzen, widme ich das Februar-Porträt Asaf aus Israel.



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Am 13. Februar 2026 lädt der Verein «Hössli Haus» zu seiner ersten Mitgliederversammlung in Glarus ein. Als Gast ist SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser dabei, eine der zeitgenössischen Schweizer Kämpfer:innen für LGBTIQ+ Rechte.



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