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Alles wird gut

Ostern macht zuversichtlich. Jesus ist nicht tot, er ist auferstanden. Die Dunkelheit dauert nicht ewig, es ist Frühling. Beides steht für Lebensbejahung – die Sehnsucht nach Frieden wächst. Ostern trägt deshalb auch eine politische Botschaft. Genau der richtige Tag also für einen Einblick in die Polit-Comedy-Show von Michael Elsener mit ihrem österlichen Titel «Alles wird gut».



Zum Abschluss seiner 100. Saison lud der Kulturverein Glarus Süd den bekannten Comedian Michael Elsener ins Gemeindezentrum Schwanden ein. Comedy passte ganz gut zum Aufführungstag: Es war der 1. April 2023. In Elseners Programm «Alles wird gut» ist die Botschaft allerdings ernst: Es ist ein Aufruf zur politischen Partizipation, damit alle (stimmberechtigten) Menschen und vor allem die, welche sich zu beschweren haben, in der Politik vertreten sind – damit alles gut kommt und Frieden herrscht.


Wer Michael Elsener kennt, weiss: Der Zuger macht mehr als Comedy. Der studierte Politologe stellt unter dem Titel Elsener erklärt’s satirische Videos zusammen. Auch bei komplexen Abstimmungsvorlagen zerlegt er darin widersprüchliche Argumente und baut sie zu frischer Unterhaltung zusammen. Von seinen aufwändigen Recherchen und berechtigten Fragen hätte sich schon manche Partei und manche:r Amtsträger:in eine Scheibe abschneiden können.


©Philipp Hubler

Knallhart


So nimmt Elsener denn auch bei «Alles wird gut» Wahlvideos, Reden und Interviews unter die Lupe. Er bleibt dabei ganz neutral, denn jede Partei kommt unter die Räder. Manchmal ist es die Thujahecke im Hintergrund, manchmal ein bedrohlicher Aufmarsch und manchmal eine Salami. Auch der Versuch einer 1.-August-Ansprache und widersprüchliche Interessensbindungen bringt Elsener auf's Tapet.


Nur zum Lachen ist das alles nicht. «Alles wird gut» ist für das Publikum eine knallharte Auseinandersetzung mit der politischen Kultur in der Schweiz. Michael Elsener gelingt es, auch lokale Themen in die Show zu integrieren. In Schwanden haben Glarner Politker:innen im Publikum dabei geholfen. Auch sie mussten sich den Fragen des Comedians stellen. Alles in allem «metzgeten» sie sich recht gut.


Kantonale und kommunale Politiker:innen und die temporäre Diktatorin aus dem Publikum mit Michael Elsener im Gemeindezentrum Schwanden

Was das Publikum in Schwanden bei der Glarner Lokalpolitk bewegte, war der Verkehr. Die Strasssen sollen endlich gebaut und der ÖV verbessert werden. Und die Parkplatzregelung im Kantonshauptort sei der blanke Horror. Die anwesende Politikerin aus der zuständigen Gemeinde kam nur kurz in Verlegenheit. Es ist aber auch ein leidiges Thema mit diesen Parkplätzen. Aber: Es beschäftigt die Menschen, und die hohen Erwartungen der Parkplatzsuchenden sind nicht immer ganz einfach zu erfüllen.


Local Fun Fact 1: Laut Bund sollen keine ÖV-Direktverbindungen mehr zwischen dem Glarnerland, Zürich und Rapperswil bestehen. Wer den Kanton verlassen oder betreten will, steigt künftig auf jeden Fall am Bahnhof Ziegelbrücke auf St. Galler Boden um. Weil der ÖV-Halbstundentakt im Binnenverkehr davon nicht betroffen ist und schon heute 97 Prozent der Wohnbevölkerung innerhalb von 700 Metern bis zur nächsten Haltestelle leben (bei 84 Prozent sind es 300 Meter), können Glarner:innen trotzdem ganz ohne Parkplatzprobleme von der Strasse auf die Schiene wechseln. Übrigens: Der Glarner Regierungsrat gibt nicht auf und setzt sich für den Erhalt von Direktverbindungen ein.


Bitterernst


Was Elsener ernsthaft beschäftigt: Nirgendwo wird mehr gewählt und abgestimmt, wie in der Schweiz. Doch in kaum einem Land ist die Wahl- und Stimmbeteiligung so tief. Er rechnet vor, dass bei einer 51-Prozent-Abstimmung 15 Prozent der Bevölkerung über den ganzen Rest bestimmen. Ein Rest, der zum grossen Teil aus unzähligen Gründen zu bequem für's Abstimmen und Wählen ist. Also dafür, das Abstimmungscouvert zu öffnen, Ja/Nein oder einen Namen auf die Zettel zu kritzeln, den Stimmrechtsausweis zu unterschreiben, alles in's Couvert zurück zu stecken und in den nächstgelegenen Briefkasten zu werfen – natürlich nur, falls ein Parkplatz in der Nähe ist.



Kein Wunder, kommt Elsener auf die Idee, dass sich eine Diktatur vielleicht besser eignen könnte – und macht gleich die Probe auf's Exempel: Er kürt eine Diktatorin direkt aus dem Publikum. Ebenfalls aus dem Publikum kommen Abschaffungs- und Einführungswünsche. In der Pause liessen sich diese auf Abstimmungskarten schreiben. Danach konnte sich die frisch auserkorene Diktatorin den Wünschen stellen: Sie kippte das Schneekanonenverbot, sprach sich für Mini-Wölfe aus und wollte nichts von Polyamorie wissen. Schlussendlich zeigte sich, dass sich die Diktatorin nicht richtig wohl in ihrer Rolle fühlte, für alle entscheiden zu müssen. Auch Diktator:innen haben es offenbar nicht nur einfach. Zurück also zur Demokratie – wenn da bloss nicht dieser innere Schweinehund zu überwinden wäre.

Local Fun Fact 2: Glarner:innen nehmen stundenlang an der Landsgemeinde und an Gemeindeversammlungen teil, um über kantonale und kommunale Vorlagen abzustimmen. Nichts mit fünf Minuten zum Briefkasten oder zur Urne! Die Stimmbeteiligung beträgt eher weniger als 15 Prozent. Wer sich trotzdem bemüht, muss nicht einfach Ja oder Nein sagen, sondern kann Vorlagen abändern – sofern der Aufwand und der Mut für den Auftritt im Ring oder in der Mehrzweckhalle erbracht werden kann. Und: Hoffentlich hat es genug Parkplätze! Übrigens ist ÖV-Fahren an der Landsgemeinde kostenlos – schliesslich wird dann auf dem Zaunplatz gemindert und gemehrt, statt parkiert – und zumindest meine Gemeinde (die mit dem Horror-Parkplatzkonzept) bietet Shuttle-Busse zu ihren Gemeindeversammlungen an.


Fassungslos


Zurück auf dem Pfad der Demokratie, simulierte Elsener das Resultat der ersten Bundesratswahl durch's Volk. Das Rennen machten Roger Federer, ein verschwörerischer Influencer, Eveline Widmer-Schlumpf, Peach Weber, Aromat, Siri und Pingu. Bei Pingus Annahme der Wahl rechnete Elsener nicht damit, wie stark diese im Publikum ankam und verlor, auf sehr sympathische Weise, für einen kurzen, aber deutlichen Moment seine Fassung.


Fassungslos sass auch das Publikum da bei der irgendwie finalen Erkenntnis, dass auch die Demokratie ihre Risiken birgt. Elseners Lösungsvorschlag blieb vom Anfang bis zum Schluss seines Auftritts in Schwanden der gleiche: «Wählen Sie! Egal was oder wen, aber wählen Sie!». Seine Show bringt er deshalb bewusst im Wahljahr 2023 auf die Bühne.

Local Fun Fact 3: Die Parlamentswahlen 2023 sind für Glarner:innen unter Umständen besonders bequem. Kandidiert, Stand heute, tatsächlich nur jeweils eine Person für die zwei Sitze im Ständerat und den einen Sitz im Nationalrat, lässt es sich am 22. Oktober ganz gemütlich in's Sofa oder auf den Autositz sinken und den Tag verstreichen lassen, ohne sich der Qual der Wahl aussetzen zu müssen.

Langfristig


Der Kulturverein Glarus Süd hat am 1. April 2023 seine 100. Saison abgeschlossen. Früher hiess er «Gemeindestube Schwanden». Ein Blick in die Statuten verrät den Vereinszweck: Der Verein pflegt und fördert das kulturelle Leben in der Gemeinde Glarus Süd mit Ausstellungen, Konzerten verschiedener Stilrichtungen, Kabaretts, Vorträgen, Lesungen, Kursen und Unterhaltungsabenden aller Art sowie einer Weihnachtsfeier für die Pensionierten der Gemeinde Glarus Süd. Der Verein pflegt und fördert «einheimisches Schaffen». Was das konkret bedeutet, zeigt ein Rückblick auf das Programm der Saison 2022/2023: Angefangen bei der Hauptversammlung am 26. August folgte kulturelle Unterhaltung pur mit 16 Programmpunkten innerhalb eines halben Jahres. Dabei legt der Kulturverein Glarus Süd offensichtlich Wert auf Vielfalt – vom klassischen oder volkstümlichen Konzert bis zum Theater oder zu Comedy-Shows wie Michael Elseners «Alles wird gut». Eine Mitgliedschaft beim Kulturverein Glarus Süd kostet jährlich 40 Franken für Einzelpersonen und 60 Franken für Paare. Die Saisonkarte gibt’s für 175 beziehungsweise 275 Franken inklusive Jahresmitgliedschaft.


Quelle: Dieser Beitrag ist ursprünglich im Kulturblog der Glarner Agenda erschienen.

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