Bedeckt bleiben
- Fee

- 1. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. März
Warum sollte ich mich für Kopftücher einsetzen? Und was sollte ich als Glarner dazu sagen? Beide Fragen liessen mich die letzten Wochen nicht los. Am Parteitag kamen neue Fragen dazu.
Ich hätte es gern getan und ich hatte mich gut vorbereitet für eine Wortmeldung zur Annahme der Resolution «Für echte Selbstbestimmung – gegen antimuslimischen Rassismus. Eine Resolution für Gleichstellung, Religionsfreiheit und Antidiskriminierung» der SP Migrant:innen.
Druckausübung im Anmarsch
In der Woche des Parteitags äusserte ein Berner Anwalt auf X seinen Unmut zur Resolution und erhielt gewisse Aufmerksamkeit. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) versuchte das Thema so einzuordnen, damit es auf Empörung stösst. Der Druck stieg und es war nicht ganz einfach, zwischen Gelassenheit und Verunsicherung Richtung Samstag zu navigieren.
Die NZZ hatte sich schon vor ein paar Wochen dem Thema verschrieben und eine Boulevard-Geschichte produziert, die sich vom Inhalt weg hin auf eine Person bewegte. Wie üblich im Vorfeld demokratischer Gefässe wurden auch kurz vor und am Parteitag selbst kritische Stimmen innerhalb der Partei lauter.
Das alles motivierte mich mehr, mich mit einer Wortmeldung vorzubereiten, als es mich davon abhielt. Auch vertraute Menschen trugen dazu bei, es tun zu wollen. Am Parteitag zeichneten sich viele Wortmeldungen ab und ich begann mit der Kürzung meines Textes.

Kehrtwende im Anzug
Bei einer der vorangehenden Resolutionen trat eine Person auf, die ich nicht erwartet hatte und die auch zur Kopftuch-Resolution reden würde. Also stellte ich sicher, dass ein Votum angemeldet ist, das auf deren Argumente eingeht. War es nicht, also gab ich meinen Platz frei dafür.
Drei Resolutionen später fühlte ich mich im Rückzug meiner Wortmeldung noch bestätigt. Die Debatte über die Situation im Iran sagte mir: Heute noch etwas Herziges über Elmer Schneekanonen und Linthaler Schulkinder zu sagen, wäre deplatziert.
Gleich nach dem Iran, aber noch vor der Resolution gegen antimuslimischen Rassismus, ging es um die Situation der Menschen in Rojava (Syrien), wofür sich die SP Migrant:innen und die JUSO seit Mitte Januar mit einer Petition einsetzen.
Traurigkeit im Stillen
Nach sechseinhalb Stunden war die Resolution der SP Migrant:innen endlich an der Reihe. Spätestens bei der ersten und definitiv bei der zweiten Gegenrede überkam mich die Traurigkeit darüber, dass ich nicht reden werde. Ich fand es zwar richtig, meinen Platz weitergegeben zu haben, aber falsch, diesen Akt als Grund für meine Entscheidung vorzuschieben.
Die Elmer Schneekanonen und die Linthaler Schulkinder hätten voll gepasst. Gut möglich, hätte ich Applaus geerntet. Sicher aber wäre meine Sektion sichtbar geworden, ohne das eigentliche Thema dafür zu missbrauchen.
Eine Träne kündigte sich an und das Bedürfnis kam hoch, meine Situation mit jemandem zu teilen. Inzwischen sass ich alleine da und einen Tisch weiter wollte ich die geeignete Person nicht stören. Zur ersten kam eine zweite Träne und meine innere Stimme warf mir den Angsthasen und den Hosenscheisser gleichzeitig vor.
Sieg mit Beigeschmack
Nach 16 Wortmeldungen, zusammen mit einer Resolution gegen Antisemitismus, nahm der Parteitag die Resolution gegen antimuslimischen Rassismus deutlich an. Ich war sehr froh darüber. Die Traurigkeit blieb.
Der Parteitag endete für mich mit zwei Gläsern Rotwein mit einem Genossen, der sich aus laizistischer Überzeugung an der Resolution störte. Wir redeten über anderes und verabschiedeten uns friedlich. Bevor ich mich in den Zug setzte, gab's noch einen Burger mit Pommes Frites und Fanta Zero für mich. Was Besseres hatte ich nicht verdient.
Ich wollte noch eine Weile enttäuscht von mir selbst sein. Zuhause redete ich vor dem Schlafengehen über den Krieg und die traurige Unmöglichkeit, ihn aufzuhalten. Über mögliche Wege, der Ohnmacht etwas entgegenzustellen.
Wirksamkeit zuhause
Das Gespräch tat mir gut, weil es mich zurück auf den Weg brachte, auf dem ich am Morgen noch war. Nämlich das zu tun, was in meiner Macht steht: Den Frieden dort zu bewahren, wo ich bin.
Dazu gehören meine Überzeugung, dass jedes Anzeichen von Rassismus bekämpft gehört, damit zum Beispiel Glarner Kinder selbstbewusste Vorbilder haben, die ihnen eine lebenswerte Zukunft aufzeigen. Ohne Angst davor, dass ihre Gegenwart zerstört wird durch Rassismus, Diskriminierung und Machtmissbrauch.
Das hätte ich, in voller Länge, zu sagen gehabt:
Liebe Genoss:innen
Vielleicht seht ihr es mir an, vielleicht auch nicht. Ich bin ein christlich sozialisierter Schweizer Mann, schwul und queer. Mein Glaube und meine sexuelle Orientierung haben mich u. a. Altruismus gelehrt. Deshalb bin ich auch bei der SP gelandet, inzwischen auch beruflich als Sekretär der SP Migrant:innen. So viel zur Transparenz.
Am Mittwoch gab ich im Glarner Landrat meine Stimme für neue Schneekanonen in Elm. Demonstrierende Kinder aus dem hintersten Dorf im Sernftal baten uns vor dem Rathaus inständig um diese Zukunftsperspektive. In Linthal, am Fusse des Klausenpasses, suchen Schulkinder ebenso inständig nach einer Lehrperson. Wenn ich das Reel der Schüler:innen auf Instagram anschaue, frage ich mich: Wie verhält sich die Schule, wenn sie eine einzige Bewerbung, die einer Kopftuchträgerin, erhält?
Ich kann es verstehen, aus laizistischer Überzeugung Mühe mit dieser Resolution zu haben. Die Betonung liegt für mich aber auf der Pauschalisierung, also auf pauschalen Kopftuchverboten, wie sie die Petition des Egerkinger Komitees und eine Reihe von Vorstössen verlangen. Es geht in dieser Resolution also um die Antwort auf eine rassistische Kampagne.
Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist mir auch wichtig als Vertreter einer Randregion, die schweizweit den höchsten Anteil an Muslim:innen aufweist. Nirgends und schon gar nicht in einer Randregion können wir uns Rassismus leisten. Er schwächt die Leistungsfähigkeit der Menschen (der Opfer und der Täter:innen), von denen wir dringend jeden einzelnen brauchen. Ja, in der Schule in Linthal oder im Skigebiet in Elm, vor allem aber als teilhabende Mitmenschen.
Und: Rassismus schafft besorgniserregende Vorbilder. Wir brauchen aber selbstbewusste und selbstbestimmte Vorbilder. Eines wie Fatma Kan. Diese Woche wurde die Lehrerin mit Kopftuch mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet. Sie siegte in der Publikumskategorie, in der Schüler:innen ihre Lehrer:innen selbst nominieren.
Ich könnte mir zwar vorstellen, über einen Vorstoss zu diskutieren, der nicht pauschal das Kopftuch, sondern alle religiösen Symbole von öffentlichen Einrichtungen fernhalten möchte. Darum geht es aber heute nicht, weil es auch dem Egerkinger Komitee nicht darum geht.
Wehren wir uns gegen die Legalisierung von Rassismus, die sich früher oder später auf andere Gruppen auswirkt, wie weitere Glaubensgemeinschaften, queere und alte Personen, Frauen oder Sozialdemokrat:innen. Ich denke, dagegen können wir uns mit dieser Resolution wehren.
Vielen Dank.
Aufhängetechniken im Vergleich
Auch die NZZ hat den Parteitag zum Anlass genommen, sich ein weiteres Mal über die SP zu äusseren, und stellt ihr Porträt in den Rahmen, den sie sich ausgelesen hat.
Auf welcher Höhe die NZZ ihr Bild aufhängt, ist in den Kommentaren des dazugehörigen Facebook-Posts zu erkennen. Einen Tag später gibt es dann noch einen Kommentar im gleichen Blatt.

Einer meiner Angsthasengedanken war übrigens auch, mich nicht im Kontext reisserischer Berichterstattung reichweitenstarker Medien wiederzufinden. Vermutlich hätte ich das trotz Wortmeldung geschafft mit dem Versuch, mich genug uninteressant darzustellen.
Den eigenen Informationen des Parteitags der SP Schweiz geht's hier entlang.










Kommentare