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Ein langer Weg vom Sündenbock zur Ursache

Vor 40 Jahre traten in den USA und in Europa die ersten Aids-Fälle auf. Die Krankheit galt damals als «Schwulenseuche». Am 1. Dezember 1981 wurde Aids als eigenständige Krankheit erkannt. Deshalb ist heute Welt-Aids-Tag.


An den Beginn der Aids-Krise erinnert die Serie It’s a Sin. Die Figur Ritchie macht klar, warum Aids viele Schwule betraf. Der 18-Jährige wirft die Packung Kondome über Bord, die er von seinem Vater bekommen hat – schliesslich ist Ritchie schwul, wovon sein Vater nichts weiss, und schwängert kaum eine Frau.



Aids gehört zu den sexuell übertragbaren Krankheiten und steht für eine Kombination von Symptomen. Die Infektion mit dem HI-Virus zerstört dabei das menschliche Immunsystem. Dass von Aids auch in den Anfängen nicht nur Schwule betroffen waren, macht der Film Dallas Buyers Club deutlich. Er spielt von 1985 bis 1986 in Texas.



Seit 1988 steht der 1. Dezember im Zeichen der Solidarität mit von HIV betroffenen Menschen. Auch in der Schweiz leiden diese noch unter Diskriminierung im Alltag. Diskriminierung war von Anfang an der Reflex gegenüber HIV-positiven Menschen.


Überraschend ist das nicht: Diskriminierung gehört zum Standardrepertoire des menschlichen Umgangs mit Seuchen – unabhängig von der Epoche, in der sie auftreten. Die verzweifelte Suche nach der Ursache verirrt sich gern zur Suche nach der Schuld. Von da aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Sündenbock, zum Pranger und zur Diskrimierung.



Dieser Umweg kann Jahrzehnte dauern. Ein langer Weg für ein Menschenleben. Ein fataler Weg für die ausgeschlossenen Menschen und die diskriminierende Gesellschaft. Selbst wenn der Umweg irgendwann zurück zur Ursache führt, lassen sich mit Schimpansen oder Fledermäusen noch immer erst mal nur weitere Sündenböcke finden.


Dazwischen hätten die Menschen genug Zeit, sich um den Umgang miteinander zu kümmern und ihr eigenes Handeln zu hinterfragen. Doch das mit der echten Solidarität klappt auf Anhieb offenbar nicht so richtig. Gleichzeitig scheint auch die Kapazität zur Reflexion unter das nötige Minimum zu schwinden.


Sündenfall Rock Hudson


Vier Jahre nach der Entdeckung der Krankheit in der westlichen Welt, starb der Schauspieler Rock Hudson am 2. Oktober 1985 an Aids. Damals war ich zwölf Jahre alt und ahnte, dass ich schwul bin. Ich erinnere mich an die Bilder im Fernsehen, wie Rock Hudson im Juli von Paris nach Los Angeles verschoben wurde.


Der heterosexuelle Vorzeige-Schwiegersohn aus unzähligen Streifen der 1950er und 1960er Jahre hatte Aids. Die Diagnose war damals gleichzeitig das Outing als homosexueller Mann. Das waren gleich zwei Gründe, um ihn und mit ihm unzählige andere Schwule zu verstossen und die Ausgrenzung medial mit grossem Kino zu unterstützen.



Was von den Bildern, von dieser medialen Erzählung bei mir hängen blieb: Wenn ich schwul bin, sterbe ich an Aids. Als junger Fan von Rock Hudson kam die reflexartige Erkenntnis dazu, dass schwul sein falsch und Heterosexualität mimen richtig war. Diese Mischung aus schlechtem Gewissen und Angst prägte mich als Teenager.



Rita Süssmuth meinte es gut


Zwei Jahre nach Rock Hudsons Tod und nach dem Tod vieler an ihrem Lebensende diskriminierter Menschen hatte die deutsche CDU-Politikerin Rita Süssmuth ein Rezept für den Umgang mit Aids: Prävention durch Aufklärung und eigenverantwortliches Handeln.


Bundeskanzler Helmut Kohl erteilte im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von 1987 aber nicht seiner Gesundheitsministerin, sondern dem CSU-Mann Peter Gauweiler das Wort. Er verlangte: Zwangstests, Aids-Kranke kenntlich machen, im Zweifelsfall wegsperren.


Rita Süssmuth (links) präsentiert eine Plakatserie zur Aids-Aufklärung (1987) | Quelle: Bundesregierung, Ludwig Wegmann, rki.de


Rita Süssmuth erzählte später, sie habe damals gelernt, dass man sich manchmal wie ein Maulwurf unter der Erde verkriechen müsse, bis der Sturm vorüber sei, um dann wieder aufzutauchen. Und dass Erkenntnisse alleine nichts brächten, sondern man die Menschen gewinnen müsse.



Etwas länger als meine eigene hielt die Angst in meinem Umfeld an. Bei meinem Outing mit 21 Jahren, das war 1994, sagte ein wichtiger Mensch in meinem Leben zu mir: «Ich möchte nicht, dass Du so bist. Ich möchte nicht, dass Du an Aids stirbst.» Diese Sorge um mich war gleichzeitig sehr verletzend. Solche Situationen führten immer wieder zu alten Verunsicherungen und schlechtem Gewissen.


Neuer Pranger im Anmarsch


Ausgerechnet im zeitlichen Umfeld des Welt-Aids-Tags macht aktuell die Vermutung die mediale Runde, dass die neue Coronavirus-Variante Omikron in einem HIV-Patienten mutiert sein könnte. Davon ausgehend, dass das wissenschaftlich durchaus logisch sein könnte, frage ich mich, welchen Wert diese Information für die Öffentlichkeit hat und welche Reflexe sie auslösen könnte.



Sicher ist für mich: Wir müssen auf uns aufpassen, damit sich nicht weitere Jahrzehnte der Diskriminierung einschleichen. Anstelle von mehr Ausgrenzung sollte sich nach 40 Jahren mehr Solidarität einstellen. Denn wir wissen heute viel über das HI-Virus und Betroffene können dank Medikamenten gut leben.


Und wir wissen, dass HIV-positive Menschen mit einer gut funktionierenden Therapie und einer guter Immunlage nicht zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören. Bei der Covid-19-Impfung tragen sie vermutlich die ähnlichen Risiken, wie im Vergleich mit Menschen einer altersnormierten Kontrollgruppe.


Zwei Seuchen, eine Ursache


Etwa 36,7 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert, darunter 2,1 Millionen Kinder. Rund 25,5 Millionen der Infizierten leben in Afrika südlich der Sahara. Aids in Afrika ist eine der grössten humanitären Katastrophen unserer Zeit.


Als Armutskrankheit hat Aids verheerende soziale und wirtschaftliche Folgen. Das knappe Geld reicht den Betroffenen nicht für Kondome, um sich vor einer Ansteckung zu schützen, geschweige denn für einen HIV-Test oder eine Therapie.


Salt River, Cape Town, Südafrika (Rutendo Petros)


Besonders stark von Aids betroffen sind laut SOS-Kinderdörfer die Länder Swasiland, Botswana, Lesotho, Malawi, Namibia, Nigeria, Kenia und Simbabwe. Die meisten HIV-Infizierten leben in Südafrika. Mit über sieben Millionen Aids-Kranken hat das Land bei einer Gesamtbevölkerung von rund 56 Millionen eine der weltweit höchsten HIV-Raten.


Kaum besser sieht es laut Unicef in Subsahara-Afrika mit Covid-19 aus. Während sich weitere Mutationen ausbreiten, erreichen die Impfstoffe Afrika nur schleppend. Dabei gehört deren Bereitstellung für die ärmsten Länder zu den zentralen Massnahmen, um die globale Corona-Krise zu überwinden.


Will sich die Menschheit also tatsächlich aus den Fängen der aktuellen Corona-Logik befreien, muss sie jetzt nicht «nur» für die Menschen in der Subsahara-Region den Zugang zu Impfstoffen sicherstellen, sondern auch nach vier Jahrzehnten den gleichen Menschen ermöglichen, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen oder bei einer positiven Diagnose Medikamente zu erhalten. Alles andere wäre noch irrer, als alles schon ist.



Derweil boostern sich die Menschen in den reichen Ländern mit Impfungen und Medikamenten ein Leben lang, um weiter primär dem Konsum zu frönen. Während das Geld für dieses ineffiziente Vorgehen vorhanden ist, reichen die Mittel nicht für wirksame und humanitäre Massnahmen.


Gleichzeitig übertragen sich Viren durch die konsumbedingte globale Mobilität von Menschen, Rohstoffen und Gütern die ganze Zeit von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Region zu Region und von Mensch zu Mensch.


Parallel läuft auf diesem gewaltigen Umweg die Spirale der Diskriminierung weiter und fordert ihre eigenen Opfer – Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Bekannte und Unbekannte in der Nähe und weltweit.



Schade eigentlich um die Menschheit und die Persönlichkeiten, die zu ihr gehören. Gut möglich, dass die Kehrtwende doch noch zu schaffen ist – zum Beispiel wenn die Menschen ihren Modus von der Angst zum Mut, von der Verschlossenheit zur Offenheit und vom Neid zum Mitgefühl wechseln.


Diesen Wechsel braucht es für die Bekämpfung der Armut. Sie ist für den Club of Rome ein zentraler Teil des Auswegs aus den Krisen unserer Zeit.


Update: Einen Tag nach dem Welt-Aids-Tag und nach meinen Gedanken dazu erschien ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, der Aids und Covid in Afrika thematisiert:


«Zur Verbesserung der HIV-Situation in Subsaharaafrika und zur Verhinderung von gefährlichen Sars-CoV-2-Varianten fordern südafrikanische Forscher in einem Kommentar in der Fachzeitschrift «Nature» eine optimale Versorgung mit Anti-HIV-Medikamenten. Zudem sollen HIV-Patienten prioritär gegen Covid geimpft werden.»


Neue Zürcher Zeitung 02.12.2021
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