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Einfach Glück gehabt

Heute vor 53 Jahren fand in New York statt, was einen wesentlichen Teil meines Lebens prägt. Am 28. Juni 1969 erwachte der Protest in der Christopher Street – ein Aufstand Homosexueller und anderer Minderheiten gegen Polizeiwillkür.


An vorderster Front wehrten sich Dragqueens, transsexuelle Latinas und Schwarze gegen wiederkehrende Kontrollen. Der sechstätige Aufstand ging als Stonewall in die Geschichte ein – ausgelöst durch eine Razzia im «Stonewall Inn».


Randgruppen fangen


Die Mafia kontrollierte die queere Bar und machte mit Menschen am Rande der Gesellschaft Geld. Menschen, die in etablierten Lokalen keinen Zugang hatten: obdachlose Jugendliche, Dragqueens, schwule Sexarbeiter – damals und dort in den Augen der Polizei und der gesellschaftlichen Mehrheit besonders verachtenswerte Menschen.



Inzwischen erinnern jeweils im Juni auf der ganzen Welt Prides an den Befreiungsschlag für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Von wegen Befreiung: Beim Aufstand 1969 wurden zahlreiche dieser Menschen verhaftet und misshandelt.


Protest schafft Identität


Durch die Stonewall-Unruhen etablierte sich in der Community eine Gruppenidentität. Von nun an gewann sie sozialen Einfluss. Heute sind die Prides eine Rückbesinnung auf die Verbindung unter queeren Menschen und dadurch ein kollektives politisches Statement gegen Queerfeindlichkeit.


Ein solches politisches Statement war auch die Khur Pride am 4. Juni 2022. Sie fand zum ersten Mal statt und «ds erschta Mol» war auch ihr Motto. Ein junges lokales Organisationskomitee stellte einen Anlass auf die Beine, an den ich mich nicht nur heute gerne erinnern werde.


Eine andere Pride überschattete dieses Jahr leider ein Anschlag auf einen Nachtclub. In Oslo starben zwei Menschen und 21 wurden zum Teil schwer verletzt. Laut Inlandnachrichtendienst handelte es sich um einen Terrorakt mit islamistischem, also ultrakonservativem Hintergrund.


Tränen wegen Tamara


Zurück nach Chur: Bei der Ansprache von Tamara Funiciello – meinem heimlichen und jetzt nicht mehr so heimlichen politischen Idol – weinte ich hinter meiner Spiegelsonnenbrille Tränen der Motivation. Ihr kämpferischer Auftakt zog sich durch den ganzen Tag bis zum abschliessenden Konzert mit Fiji.


An einer Pride geht es auch um das Coming-out und deshalb wandte sich Tamara Funiciello besonders an die Baby Queers. Auch die Dragqueen LaMer nahm das Thema auf und sagte dazu: «Man sollte sich jeden Tag outen, denn es geht immer besser!» Und sie sagte noch: «Geh niemals nach Mitternacht auf Grindr!» Ein weiterer Grund für Tränen – dieses Mal vor Lachen über mich selbst.


Meistens ist es lustig


Manchmal klopfe ich den Spruch: «Ich kann auch nichts dafür, dass ich schwul bin. Ich habe einfach Glück gehabt.» Dann lachen meine Gegenüber entweder oder sind irritiert. Für mich steckt hinter dem saloppen Spruch der Ausdruck der Gruppenidentität der LGBTQI+-Community.


Mein Coming-out zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Es fing an mit Rummachen mit Kameraden, die das nicht so richtig wollten, und ging weiter mit älteren Männern, mit denen ich nicht so richtig rummachen wollte. Beides hinterliess keine nennenswert schädlichen Spuren, ich war einfach neugierig und mir war «Bravo» zu wenig konkret.



Parallel dazu dachte ich, das Ganze sei nur eine vorübergehende Erscheinung und verlieben würde ich mich nur in Frauen. Das stimmte, bis ich 20 Jahre alt war. Dann verliebte ich mich zum ersten Mal in einen Mann – von da an waren es immer Männer.


Manchmal war es Scheisse


In dieser Zeit trennte ich mich von meiner Freundin. Wir waren zwei oder drei Jahre zusammen, dann outete ich mich bei ihr und wir sprachen uns nie mehr. Das war richtig Scheisse und ich erfuhr zum ersten Mal, wie es ist, ein Arschloch zu sein.


Die Zeit war also reif für das Coming-out. Fast jedenfalls. Denn es war die Zeit, als mein Vater starb. Während seiner Krankheit hielt ich mich zurück – sie war damals die zentrale Belastung für meine Familie. Leider bedeutete das auch, dass mein Vater nie erfuhr, dass sein Sohn schwul ist.


Zurück zum Glück


Jedes Coming-out hat vermutlich seine eigenen Schwierigkeiten. Die Befreiung, die es nach sich zieht, ist die Schwierigkeiten aber wert. Ich musste mich als junger Mann damit auseinandersetzen, ob ich mich für ein offen schwules Leben entscheiden soll oder nicht. Das brauchte durchaus Mut, den mir zum Glück die Lust und die Liebe vereinfachten.


Und es führte dazu, als junger Mann in einer Minderheit erwachsen zu werden. In einer Minderheit, deren Vorkämpfer zum Glück schon recht viel Arbeit für die Gerechtigkeit leisteten. Ich lernte, für die eigenen und für die Rechte anderer Minderheiten zu kämpfen – Rechte, die schon bestehen und Rechte, die noch fehlen.



Einfach Glück gehabt zu haben, bedeutet auch zu wissen, von Menschen umgeben zu sein, die Liebe geben und Schutz gewähren, wenn es die Gesellschaft nicht tut.


Mein Coming-out war deshalb auch der Auslöser für eine verinnerlichte Grundhaltung und für eine Aversion gegenüber Ungerechtigkeiten und Menschen, die sie verkörpern. Für dieses Sensorium bin ich dankbar. Es macht mich heute als politischer Mensch aus. Es ist aber auch anstrengend. Vor allem dann, wenn es um Ungerechtigkeit geht, die mir selber widerfährt. Das verunsichert mich meistens mehr, als mir lieb ist.



Klar geht es auch um das Eine


Damit nicht der Eindruck entsteht, dass es bei der sexuellen Orientierung «nur» um Politik geht: Klar geht es auch um Sex. Auch den gibt es in der Community. Als junger Mann war sie mir auf dem Land definitiv zu klein. Der Plan lautete also: ab in die Stadt, weg von alten und hin zu neuen Freunden.


Doch das Pflaster blieb hart. Mit der Wahl kam auch die Qual. Nicht unbedingt, dass mir niemand gefiel, sondern dass ich mir selten wie die erste Wahl vorkam. Zugegeben: Das hatte auch damit zu tun, dass ich es ziemlich oft versuchte und deshalb auch ziemlich oft scheiterte.


Das Pflaster war nicht nur im Ausgang hart. Die früh aufgekommenen Online-Dating-Plattformen verliehen dem Body Shaming und anderen ablehnenden Phänomen noch mehr Schub. Hier schliesst sich der Kreis zum Coming-out: Wer sich zum Beispiel wegen seines Aussehens oder seines Alters innerhalb der Community schämen «muss», ist eigentlich genau gleich weit wie zuvor.


Deshalb ist es wichtig, die Tücken socher Phänomene zu überwinden. Das Rezept: Herauskommen und den Humor nicht verlieren – oder wie es LaMer in Chur sagte: «Man sollte sich jeden Tag outen, denn es geht immer besser!»



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