In guter Gesellschaft
- Fee

- 28. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Dez. 2025
Gemeindeversammlungen sind recht spannend. Vor allem im Voraus, wenn noch nicht klar ist, ob es gruselig oder gut geht. Dieses Mal ging es gut. Nicht zwingend wegen der Ergebnisse oder der Versammlungsleitung.
An der Gemeindeversammlung mit Rekordbeteiligung ging es unter anderem um den Landverkauf an einen privat geführten Hotelbetrieb und um den Verkauf der sechs gemeindeeigenen Restaurants. Für zwei davon kann der Gemeinderat nun Abklärungen für eine Veräusserung treffen.

Mehr als ein Restaurant
Mein Einsatz galt dem Gesellschaftshaus, umgangssprachlich dem Geha. Es ist liegt in meiner direkten Nachbarschaft. Ich sehe es jeden Tag. So wie ich in den letzten 14 Jahren die Wirt:innen dort ein- und ausgehen sah.

Dieses Haus gehört uns
Seit einiger Zeit brummt das Geha regelrecht. Das Trigonella ist eines der beliebteste Restaurants im ganzen Kanton. Die Liegenschaft ist aber noch viel mehr.
Herr Präsident
Geschätzte Gemeinderätinnen und Gemeinderäte
Liebe Glarnerinnen und Glarner
Im Namen der SP unterstütze ich den Antrag von Marius Grossenbacher von den Grünen.
Das Gesellschaftshaus ist viel mehr als eine Gastroliegenschaft. Das «Geha» ist ein lebendiges Gemeinschaftszentrum für «Turner:innenchränzli» und Fasnacht, Hauptversammlungen und Delegiertenkonferenzen, Podiums- und Informationsveranstaltungen, Sitzungen, Gottesdienst, für Schweizer, Tamilische und Eritreische Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Konzert und Theater. Für den Kindergarten und sogar als Impfzentrum ist es ein idealer Ort. Vereine, Verwaltung, Kirche, Firmen und Privatpersonen nutzen das Gesellschaftshaus also genauso wie die Wirte und die Gäste im Restaurant Trigonella. Also wir alle – in unserer Gemeinde und viele andere aus dem ganzen Kanton.
Es entsteht also eine grosse Lücke, wenn wir einen solchen grandiosen Treffpunkt verlieren. Etwas Ähnliches an anderer Stelle zu etablieren, würde Jahre, wenn nicht eine ganze Generation lang dauern. Ausserdem frage ich mich, ob überhaupt eine Käuferin oder ein Käufer mit den Nutzungsauflagen von einem solchen Gemeinschaftszentrum klarkommt – also ob sich überhaupt ein Investor für so etwas interessiert. Und wenn doch: Ein Hotel – wirklich? Alterswohnungen – schon eher, das wäre dann aber wieder eine öffentliche Aufgabe und etwas, das der Gemeinde Einnahmen ermöglicht.
Wie der Name schon sagt: Die Liegenschaft ist ein Gesellschaftshaus – und zwar nicht im Sinne einer Aktiengesellschaft, sondern im Sinne der Gemeinschaft. Dieser Wert ist unbezahlbar. Oder abgekürzt: Das Geha gehört uns! Über einen Verkauf müssen wir gar nicht nachdenken.
Danke, dass sie dem Antrag von Marius Grossenbacher zustimmen und den gemeinderätlichen Antrag ablehnen.
Votant: Werner Kälin, Ennenda
Gemeindeversammlung: 28. November 2025; Traktandum 4
Gastronomieliegenschaften der Gemeinde Glarus; Grundsatzentscheid
Das krisensichere Haus
Nicht nur die zahlreichen Wirte-Wechsel steht für die Geha-Krisen. Das Gemeinschaftszentrum erwies sich als krisensicher während der Corona-Krise, als es zum kantonalen Impfzentrum umfunktioniert wurde.

Aus dem ganzen Kanton rollten die Menschen mit ihren krankmachenden Autos an, um sich selbst vor einer Virusansteckung zu schützen. Das fand ich dermassen hohl, dass ich (wir)am 22. Dezember 2020 den Behörden einen Brief schreiben musste(n).
Sehr geehrtes Departement Finanzen und Gesundheit
Sehr geehrter Gemeinderat Glarus
Bald wird im kantonalen Impfzentrum geimpft. Diese Herkulesaufgabe verdient grössten Respekt. Wir wünschen Ihnen und allen Beteiligten die nötige Kraft und Ruhe.
Als Anwohner in unmittelbarer Nähe zum Gesellschaftshaus können wir Ihre Wahl als idealen Standort nur bestätigten. Auch wir schätzen unseren Wohnort, weil er so gut wie kantonsweit komfortabel mit der Bahn erschlossen und kommunal für den Fuss- und Veloverkehr bequem erreichbar ist – wesentliche Voraussetzungen für ein autofreies Leben, welches das System in allen Dimensionen schont.
Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die wenigsten Verkehrsteilnehmer die Qualität dieser Lage schätzen. Autofahrende dominieren sicht- und hörbar. Schon in «normalen» Zeiten macht der Strassenverkehr am Kirchweg zu schaffen. Pandemiebedingtes Lüften ist tagsüber durch die Luftverschmutzung aus dem Auspuff, vom Reifenabrief und wegen des gesundheitsschädlichen Strassenlärms problematisch.
Wir bitten Sie daher, die Anreise zum kantonalen Impfzentrum mit einem Verkehrskonzept zu regeln, das sich am Verzicht auf die Anreise mit dem motorisierten Individualverkehr orientiert – und an die Solidarität gegenüber gesundheitlich bedrohten Anwohnern appelliert.
Gerne schlagen wir Ihnen die folgende Formulierung einer entsprechenden Botschaft an die Bevölkerung vor:
«Wählen Sie für die Anreise zum kantonalen Impfzentrum ein Verkehrsmittel, das die Gesundheit der Anwohner schützt. Verzichten Sie auf die Anfahrt mit dem Auto. Die Parkplätze sind für Fahrzeuge von gehbehinderten Personen und Angehörigen der Covid-19-Risikogruppen reserviert. Bahnhof und Bushaltestelle befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Gesellschaftshaus. Die An- und Rückreise mit dem ÖV ist kostenlos. Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Gemeindegebiet Glarus wählen mit Vorteil die besonders gesunden Varianten an der frischen Luft zu Fuss oder mit dem Velo. Wer trotzdem mit dem Auto anreist, fährt solidarisch: langsam, leise und mit mehr als einer Person ausgelastet.»
Damit die Menschen verstehen, um welche gesundheitlichen Gefährdungen es im Strassenverkehr geht, schlagen wir folgende Ergänzung vor:
«Der Strassenverkehr belastet die Gesundheit. Von Strassenlärm sind in der Schweiz 1,1 Millionen Menschen betroffen. Lärmbedingter Stress führt in der Schweiz jedes Jahr zu 500 Toten durch Herz-Kreislauferkrankungen, zu 2500 Diabetes-Erkrankungen und zu Bluthochdruck. Diese Krankheitsbilder bedeuten eine Risikoveranlagung für einen schweren Covid-19-Verlauf. Gleichzeitig spielt nebst der Luftverschmutzung als Quelle für Atemwegs- und Krebserkrankungen der Reifenabrieb eine Rolle. Er macht mit 8000 Tonnen pro Jahr den grössten Teil an Mikroplastik in der Schweiz aus. Zudem führt das ausgestossene CO2 – aus dem Verkehr stammen 40 Prozent und davon 73 Prozent von Personenwagen – zu einer Zunahme von Zivilisationskrankheiten wie Borreliose oder Malaria sowie zu Hitzekrankheiten, die besonders bei Säuglingen, Kleinkindern und älteren Menschen zum Tod führen können.»
Wir sind uns bewusst, dass wir mit einem unangenehmen Thema auf Sie zukommen, das bei Ihnen im Reflex auf Unverständnis stossen könnte. Umso mehr bitten wir Sie, unser ernstgemeintes Anliegen ernst zu nehmen. In einer Gesundheitskrise, bei der es um Grundsatzdiskussionen des Zusammenlebens geht, müssen Zusammenhänge – gerade auch im Kleinen – verdeutlicht werden.
Wir danken Ihnen, dass Sie in aller Deutlichkeit an die konsequente Solidarität appellieren, welche die Gesundheit und das Leben aller Glarneri:nnen schützt.
Werner Kälin und Fee
Ennenda
Ja, auch ich kann Wutbürger und Sarkasmus. Nein, ich finde das Antwortschreiben nicht. Es war nett. Wenn es wieder auftaucht, ergänze ich es hier.
Worüber ich in meinem Brief als besorgter Bürger nicht geschrieben hatte: Es war ein Glarner Arzt, der in den 1970er oder 1980er Jahre ein Buch über die Auto-Seuche und deren gesundheitlichen Folgen geschrieben hatte.

Mehr Steuern gegen die Krise
Die Gemeindeversammlung vom 28. November lief gut, weil es eine sehr demokratische und recht anständige Angelegenheit war. Mit allem bin ich nicht voll dabei, aber eine dringend nötige Steuererhöhung kam durch, und ein streng Freisinniger war Feuer und Flamme dafür, vier Glarner Restaurants mit planwirtschaftlicher Argumentation vor Verkaufsverhandlungen mit Privaten zu retten. Mir strengem Sozialdemokraten hätten auch zwei gereicht.





Kommentare