Ziemlich gut abgemischt
- Fee

- 7. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Am Freitag war wiedermal Zeit für eine Politkolumne im Lokalblatt. Also sogar höchste Eisenbahn. Schliesslich wird in einer Woche abgestimmt und gewählt. Viele sind bereits müde. Also eigentlich alle. Trotzdem müssen wir noch etwas aufbleiben.
Bevor es zu meiner Kolumne in meiner Hood geht, hat ein anderer in einer anderen Hood über das Gleiche eine Kolumne geschrieben.
«In der Debatte um die 10-Millionen-Initiative reden ausgerechnet patriotische Kreise dieses Land schlecht, wie kaum je seit den Debatten über das Bankgeheimnis und nachrichtenlose Vermögen.» Michael Hermann, Gastkolumne Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 31. Mai 2026
Was mich angeht, habe ich es nicht so mit der Hellebarde, einer Waffe, als Symbol für die Liebe zur Schweiz. Ich habe es aber durchaus mit dem Patriotismus. Er heisst aus dem Griechischen übersetzt Vaterschaftliebe und beinhaltet auch, die Heimatliebe von Menschen anderer Nationen zu respektieren.
Eine Vorläuferin der Hellebarde stammt aus der Bronzezeit in China. Unsere Hellebarde entstand im 13. Jahrhundert. Die Verbindung eines militärischen Speers und eines Werkzeugs für die Ackerarbeit erreichte um 1470 ihren Höhepunkt im Masseneinsatz beim Schweizer Fussvolk.
In der Zeit der Hellebaraden lebte auch Niklaus von Flüe (* 1417 im Flüeli OW; † 21. März 1487 im Ranft OW). Er ist der Schutzpatron der Schweiz und wird weit über die Landesgrenzen hinaus als Friedensstifter verehrt. Rom hatte lange Mühe mit ihm und brauchte Zeit bis 1947, um ihn heilig zu sprechen. Selbst der katholischen Kirche war die Waffe in den Händen der Päpstlichen Schweizergarde lange lieber als die Besinnung auf den Frieden.
Mal (wieder) in den Ranft steigen
Politkolumne von Werner Kälin, Glarner Nachrichten, 5. Juni 2026
«Die Meinungen sind gemacht» hiesse es, würden wir im Ring über die 10-Millionen-Initiative abstimmen. Die von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Argumenten geprägte Debatte erschöpft sich.
Was die SVP-Initiative bedrohlich macht, sind nicht die haltlosen Behauptungen, die sie verbreitet. Bedrohlich ist die Zustimmung. Sie setzt unseren Zusammenhalt aufs Spiel, an den uns kein Geringerer als der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus erinnert. Wie im Jahr 1481 kommt auch 2026 die Bedrohung von innen.
Liegen die sachlichen Argumente auf dem Tisch, die locker für ein Nein zur SVP-Initiative genügen, bleibt nur noch Fremdenfeindlichkeit, um bei einem Ja zu bleiben. Das ist nicht die Schweiz, die zusammenhält.
Fremdenfeindlichkeit reduziert auch unsere Leistungsfähigkeit. Sie hält Betroffene und Ausübende davon ab, gut zu leben, arbeiten und partizipieren – kurz: ihren Beitrag zu leisten. Im Glarnerland sind wir aber auf den Beitrag aller angewiesen. Deshalb sorgen wir füreinander. So dankt Glarus Nord auf Instagram den Asylbewerbenden, die Wanderwege unterhalten, Strassen reinigen und Neophyten bekämpfen. Das ist liebenswert am Glarnerland. Im Übrigen warnt auch der Glarner Regierungsrat vor der SVP-Initiative.

Zum Abbau des Zivildienstes sind die Meinungen noch nicht gemacht. Die Vorlage ist ein Symptom des Backlash, auf dem auch die SVP-Initiative beruht. Das Pochen auf den klassischen Militärdienst geht einher mit einem Männlichkeitsbild, das auch über soziale Medien in die Gesellschaft drängt und zum Beispiel junge Männer in sexistische und rassistische Milieus treibt. Ich erinnere mich an die Reaktion meines Umfelds nach meiner Aushebung als Sanitäts-Rekrut: «Du kommst zu den Schwulentruppen!» Ich hätte mich wenigstens deshalb etwas auf den Militärdienst freuen können, war mir aber der Abwertung hinter der Aussage bewusst. Ich vollendete die RS nur, um meinen Vater im Sterbebett vor meiner Verweigerung und meinem Coming-out zu verschonen.
Zur Allianz gegen das neue Zivildienstgesetz gehören die Kleinbauern-Vereinigung und die Heilsarmee. Bei Letzterer leisten jährlich über 500 junge Männer Dienst in Alters- und Kinderheimen, Flüchtlingsunterkünften und Wohnangeboten für Menschen mit Beeinträchtigung.
Auch die Zahlen in der Land- und Alpwirtschaft beeindrucken: Zivis haben 2025 über 50’000 Stunden in 830 Betrieben geleistet. Der Bedarf in der Landschafts-, Alp- und Waldpflege übersteigt die Nachfrage bei Weitem. Inzwischen ist der Zivildienst, im Vergleich mit der heutigen Armee, eine Schweizer Erfolgsgeschichte.

Als ob Sie es nicht wüssten, sind am 14. Juni auch Landratswahlen. Diejenigen von Ihnen, die können, müssen die SP oder mich nicht wählen. Sie können aber, weil auch im Landrat Vielfalt zählt. Was Sie aber um Gottes Willen tun müssen: Stimmen Sie Nein zu den beiden Vorlagen, die unser Land auseinanderreissen. Oder was denken Sie, würde Bruder Klaus uns raten? Mal (wieder) zu ihm in den Ranft steigen, hilft, es zu erfahren.

Rassismus macht schwach
Gesellschaften sind auf ihre Mitglieder angewiesen, sonst wären sie keine. Durch die gesteigerte Mobilität und die Digitalisierung existieren sie inzwischen nicht mehr nur örtlich. Weil sie sich im virtuellen Raum bilden können, verliert der örtliche Raum an Bedeutung. Ein Phänomen davon ist öffentlich kundgegebener Rassismus in Online-Foren und Kommentarspalten der sozialen Medien.
Der virtuelle Raum ersetzt jedoch die Beziehungen zwischen Menschen aus Fleisch und Blut nicht. Oder anders gesagt: Ein Porno ist etwas anderes als eine Umarmung. Was der virtuelle Raum aber zeigt, ist die Vielfalt der Menschen. Und diese existiert auch im örtlichen Raum, wo die körperliche Distanz zum Gegenüber fehlt. Das führt in den meisten Fällen zu mehr gegenseitigem Respekt. In anderen Fällen kann es aber auch zu physischer oder psychischer Gewalt führen.
Selbst habe ich zum Glück keine Rassismuserfahrung. Sexismus hingegen kenne ich. Dass die beiden Grausamkeiten Reflexe auf gleiche menschliche Störungen sind, schlägt sich zum Beispiel in der Antidiskriminierungsstrafnorm nieder. Es gibt aber kein allgemeines Antidiskriminierungsgesetz. Deswegen herrscht in der Schweiz ein limitierter Zugang zur Justiz.
Die Strafnorm gegen Diskriminierung und Aufruf zu Hass stellt Handlungen unter Strafe, mit denen Menschen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung in der Öffentlichkeit das gleichberechtigte Dasein ausdrücklich oder implizit abgesprochen wird. Strafbar sind zudem rassendiskriminierende Verweigerungen von Waren- und Dienstleistungen, die für die Allgemeinheit gedacht sind. Eidgenössische Kommission gegen Rassismus
Am 12. November 2026 laden die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR), die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF), humanrights.ch sowie die NGO-Plattform Menschenrechte zur Nationalen Konferenz im Kornhausforum Bern ein. Sie ist einem allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gewidmet.
Wozu Rassismus konkret und lokal im örtlichen Raum führt, erzählt einen Tag vor meiner Politkolumne eine Glarner Schulsozialarbeiterin in der gleichen Zeitung.
Vielfalt macht stark
Die Antwort auf den schwelenden Rassismus ist eine andere Schweizer Realität und heisst Vielfalt. Für einige vielleicht noch etwas abgehobener, nennt sich ein ressourcenbezogenes Selbstverständnis für die Resilienz unseres Land auch postmigrantische Schweiz. Das heisst: Die Schweiz ist ziemlich gut abgemischt.
Migration ist heute kein Ausnahmezustand, sondern Alltag in der Schweizer Gesellschaft. Dennoch hat ein Viertel der Menschen, die in der Schweiz leben, keine Schweizer Staatsbürgerschaft und damit auch kein Stimm- und Wahlrecht. Das hat nicht einfach damit zu tun, dass dieser Teil der Schweiz nicht partzipieren will. Das hat damit zu tun, dass diesem Teil der Schweiz die Teilhabe besonders schwer gemacht wird.
Die Demokratie-Initiative möchte die Unwägbarkeiten des Einbürgerungssystems ändern. Denn eine gemeinsame Zukunft entsteht nicht von selbst – sie muss politisch ermöglicht werden. Dafür braucht es den Mut zur Öffnung für mehr Sichtbarkeit und für eine neue Generation, die Zugehörigkeit selbstverständlich neu denkt.
Mittel gegen die Angst vor dem Selbstbewusstsein
Mit der 10-Millionen-Initiative geschieht exakt des Gegenteil. Wirtschaftlich betrachtet heisst das: Die Befürworter:innen der Nachhaltigkeitsinitiative verschleudern die Humanressourcen der Schweiz, weil sie einen Sündenbock brauchen, um persönlichen Problemen aus dem Weg zu gehen.
Kulturell betrachtet heisst das: Die SVP-Initiative nährt bewusst das Misstrauen der Menschen untereinander, damit möglichst viele im Rückzug und Hass vereinsamen, statt durch Austausch und Begegnung Probleme zu bewältigen. Das führt direkt in die gesellschaftliche Sackgasse, dem Ziel KI-generierter Slopaganda der SVP.
Dagegen gibt es ein Mittel aus dem Kanton, aus dem Bruder Klaus stammt. Das Volkskulturfest Obwald begrüsst dieses Jahr vom 24. bis 28. Juni das Gastland Armenien. Letztes Jahr war es Cuba zusammen mit den Schweizer Gastregionen Fribourg, Bern, Toggenburg, Luzern, Schwyz und Uri. Heuer sind das Toggenburg, Zürich, Luzern, Zug und Nidwalden dabei.
Schweizer Vorbild für die Vielfalt
Damit eine Gesellschaft ihre Vielfalt nutzen kann, braucht es Gleichstellung. Dafür gibt es ein erfolgreiches Schweizer Vorbild: die Frauenbewegung. Passend dazu fällt der Abstimmungs- und Wahlsonntag auf den Frauenstreik vom 14. Juni. An diesem Tag streikten 1991 die Schweizer Frauen zum ersten Mal. Sie gingen für Lohngleichheit und ganz allgemein für gleiche Chancen auf die Strasse.
Ich und meine Politik brauchen den Frauenstreik: Solange keine Gleichstellung zwischen Frau und Mann herrscht, ist es auch schwierig für andere marginalisierte Menschen – zum Beispiel für queere Personen, Migrant:innen oder Menschen mit Behinderung. Über den feministisch-volkstümlichen Chor aus dem Obwaldner Nachbarskanton Nidwalden, das Echo vom Eierstock, bin ich auf Simone Felber gestossen. Ihr gebe ich an dieser Stelle das letzte Wort.






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