Stadt und Land im gleichen Club
- Dr. Wolf

- 8. Aug.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Aug.
Ist die Erkältung stark genug, um heute nicht von Glarus nach Zürich zu fahren? Oder bin ich zu schwach, um zu Ellen Allien zu tanzen? Wer will, kommt mit auf meinen Schreib-Trip während der Street Parade.
Vermutlich wird Ellen Allien harten Techno auflegen. Härter als Stadtkind. Das könnte mich abhalten, weil mir Geschwindigkeit und Lautstärke aufs Herz gehen. Als Stadtkind herauskam (2001) lebte ich seit fünf Jahren in Zürich. Damals prahlte ich oder behauptete man, dass Zürich und Berlin Schwesterstädte seien und Barcelona irgendwie auch dazu gehöre.
Rein in die Stadt und weg aufs Land
Zehn Jahre später zog ich weiter nach Glarus. Kurz nach meinem Zuzug aufs Land ging es darum, ob die fusionierte Gemeinde Glarus eine Stadt sein soll. Ich stimmte ja, die Gemeindeversammlung lehnte ab. Trotzdem nennen die Glarner:innen ihren Hauptort Stadt. Das war schon vor der Fusion so.
Im Grunde bin ich kein Stadt- beziehungsweise wenn schon ein Landkind. Als Kind lebte ich in Einsiedeln. Es ist grösser als Glarus, besteht schon immer aus mehreren Ortsteilen und nennt sich auch heute noch Dorf.
In die Stadt kam ich als junger Erwachsener, mit 24. Stadtjunge ist durch meinen Weiterzug auch passé: Schliesslich wohne ich nicht in der Stadt Glarus, sondern einen Katzensprung entfernt im benachbarten Dorf. Vielleicht werde ich ja mal Dorfältester.
Keine Landstrassenparade
Stadt- oder Landkind? Die Schweiz ist mir zu klein für diesen Unterschied. Deshalb sollte der Zusammenhalt hierzulande eigentlich leichter fallen. So wie es Landespatron Bruder Klaus schon im 15. Jahrhundert geraten hatte. Nun: Ich bin nicht Bruder Klaus, und deshalb hört niemand auf mich. Jedenfalls ist die Schweizer Bevölkerung ziemlich gut abgemischt. Die Vielfalt ist ihr Potenzial.
Mindestens einen Unterschied zwischen Zürich und Glarus mache ich aber aus. Die Strassen würden kaum für eine Demo gesperrt. Ob die Street Parade eine Demo ist oder nicht, bleibt hier mal ungeklärt. Und mindestens eine Gemeinsamkeit haben Glarus und Zürich auch:
«Neben dem stabilen Konsum von Opioiden und den üblichen Substanzen wie Marihuana und Ecstasy zeigt sich im Kanton Glarus, wie auch schweizweit, eine steigende Tendenz beim Kokain- und Crack-Konsum.» Tätigkeitsbericht 2025 des Kantons Glarus
Auch laut SRF Dok wird in der Schweiz soviel gekokst, wie noch nie. Sucht Schweiz fordert eine Kurskorrektur in der Drogenpolitik. Die bisherige Strategie sei gescheitert, man müsse über eine Legalisierung nachdenken.
Rund um die Street Parade thematisieren Schweizer Medien traditionell den Drogenkonsum. Strafrechtlich geht es um Betäubungsmitteldelikte. Werden sie verabreicht, um eine Person zu missbrauchen, kommen Gewaltdelikte dazu. Auch in diesem Bereich sind Stadt und Land im gleichen Club, denn das passiert von Näfels bis nach Untersiggenthal, also in ganz Helvetien.
Widersprüche in der Mitte der Gesellschaft
Inzwischen vergeht meine Lust, nach Zürich zu fahren. Ich habe einen Pizza-Teig aus dem Tiefkühlfach geholt, mir einen Tee gemacht, Wäsche aufgehängt und den WOZ-Artikel Seit Jahrzehnten die falschen Fragen gelesen.
«Was ein normaler Umgang mit Drogen wäre, wird in heftigen Auseinandersetzungen ausgehandelt. Dabei wäre ein halbwegs akzeptabler Konsens nur durch radikale Sachlichkeit zu erzielen. Ansonsten finden wir nicht aus den Widersprüchen heraus, mit denen wir leben, seit wir Drogenkonsum verboten haben: mit Politiker:innen, die Cannabis zum Schutz unserer Jugend auf keinen Fall legalisieren wollen, aber das Mindestalter für Motorradfahren auf sechzehn Jahre senken. Die Unfallstatistik enthüllt, wie wichtig diesen Politiker:innen der Schutz der Jugend wirklich ist. Mit Eltern, die mit ihren Kindern nicht über Drogen sprechen, ADHS-Medikamente aber unhinterfragt akzeptieren. Mit Asylunterkünften, in denen traumatisierten Minderjährigen das Cannabis weggenommen wird und sie stattdessen mit Benzodiazepinen ruhiggestellt werden.» Michael Herzig, ehemaliger Zürcher Drogenbeauftragter
Der Autor fragt sich auch, weshalb die Menschen ohne Widerrede Drogen im privaten Umfeld als etwas Normales akzeptieren, darüber in der Öffentlichkeit aber als Bedrohung (zum Beispiel des Stadtbilds) diskutiert wird.
Tatsächlich spielt die Verteufelung der Menschen, die am Rande der Gesellschaft sind, auch unter Drogenkonsument:innen eine traurige Rolle. Die Menschen in der Mitte der Gesellschaft kommen fein raus und bringen sich als Moralapostel ein. Michael Herzig schreibt dazu: «Darum denk daran, wenn du oder andere das nächste Mal über Crackuser:innen herziehen: Du hast bloss Glück gehabt.»
In WOZ-Artikel beschreibt der Autor auch eine andere Ungleichbehandlung von Konsument:innen nach deren Umfeld: Die Unterscheidung zwischen Unschuldigen, die ein ärztlich verschriebenes Medikament abhängig macht, und Schuldigen, die sich die Substanzen auf dem Schwarzmarkt besorgen (müssen).
Wie die Pharmaindustrie das Ganze zum Geschäftsmodell macht, zeigt eine TV-Serie über das Schmerzmittel Oxycontin. Sie spielt im Umfeld der Opioid-Epidemie, die sich in den USA, nicht zuletzt auf dem Land, verbreitet hat.
Weitere TV-Serien im Umfeld des Drogenhandels:
Breaking Bad (USA, 2008–2013, selbst gesehen)
Undercover (Belgien, 2019-2021, selbst gesehen)
Gomorrha (Italien, 2014-2021, selbst gesehen)
How to sell drugs (Deutschland, 2019-2025)
Snowfall (USA, 2017-2023)
Narcos (USA, 2015-2017)
Der Rausch gehört dazu
Für eine Weile musste ich mich technischen Problemen im Blog widmen. Das intelligente System hat Mühe mit der Schriftgrösse für den Lauftext. Das freut mich nicht besonders. Auch bei der Drogendiskussion geht es selten um die Freude. Während von Sucht und Elend die Rede ist, geht die Hauptsache beinahe unter: Der Rausch.
An einer Fachtagung von LGBTIQ-Organisationen ging es genau darum: Es gibt Konsument:innen, die gute Erfahrungen mit Drogen machen. Eigentlich die meisten. Es geht also um Prävention, zum Beispiel durch Drug Checking. Der Bundesrat möchte die Rechtssicherheit dafür stärken.
Der Hang zum Rausch ist keine Erscheinung unserer Zeit. Gut möglich, dass er zum Menschsein gehört. Lange vor Aufkommen des Christentums fanden frühzeitliche Gemeinschaftsrituale statt. Sie dienten der Kommunikation mit Gott, also der Bewusstseinserweiterung. Ein Überbleibsel davon ist der Messwein bei der Eucharistiefeier. Das habe ich von einem Referat mit naturheilkundlichem Hintergrund mitgenommen.
Die Dosis macht das Gift
Nun ist 18:39 Uhr vorbei. Dann wäre mein Zug nach Zürich zu Ellen Alliens Auftritt gefahren. Die Wäsche ist getrocknet und der Pizza-Teig aufgetaut. Bevor ich den Teig mit ungesundem, aber leckerem Zeugs belege: Klar, sind Drogen gefährlich. Jedes Jahr sterben allein in Europa Tausende durch den Konsum illegaler Drogen. Die Todesfolgen legaler Drogen wie Alkohol oder Tabak gehen weit darüber hinaus.
Mich persönlich haben illegale Drogen im Zusammenhang mit meiner ersten grossen Liebe begleitet. Dadurch wurde Trainspotting zu meinem Lieblingsfilm. Obwohl ich sie selbst nicht konsumierte, war ich von den Folgen betroffen. Als Partner, der verzweifelt versuchte, mit seiner Liebe der Heroinsucht Paroli zu bieten. Es trotz Aussichtslosigkeit weiterzuprobieren, wurde letztendlich zu meiner eigenen Sucht. Ich musste regelrecht herunterkommen vom Herankommen, weil seine Drogen- und meine Liebessucht uns beide zerstörte.
Damals, in den Neunzigerjahren gab, es in Zürich noch Smart Shops. Dort waren Pilze mit psychoaktiver Wirkung, kurz Psilos, legal erhältlich. Sie unterliegen inzwischen dem Betäubungsmittelgesetz. Man sagt, sie wüchsen auf Kuhfladen und kämen im Jura besonders reichhaltig vor.
Der Schweizer Schriftsteller Martin Suter erzählt seinen Roman Die dunkle Seite des Mondes im Setting der Wirkung solcher Magic Mushrooms. Der Film dazu kam 2016 in die Schweizer Kinos.
Wer halluzinogene Pilze konsumiert, kann spirituelle Erfahrungen machen, zum Beispiel die tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen und der Natur. Um das Wirkspektrum von Psilocybin zu untersuchen, beginnen wissenschaftliche Studien mit kleinsten Dosen, die langsam gesteigert werden, um die optimale Dosierung zu finden.
Auch Trunkrezepte für die frühzeitlichen Gemeinschaftsrituale, von denen heute noch Alkohol übrigbleibt, enthielten Psilocybin. Die Menschen hatten also damals grosses Wissen, das in der Zwischenzeit verloren ging (oder verboten wurde).
Das waren noch Zeiten
Noch 10 Minuten bis Ellen Alliens Auftritt gegenüber des Bauschänzlis. Dort steht zur Weihnachtszeit jeweils der Circus Conelli. Schwach erinnere ich mich daran, an einer Aufführung dabei gewesen zu sein.
Einen Zirkus mit Weihnachts-Variété gibt es auch in Glarus Süd. Der Zirkus Mugg ist eine regelrechte lokale Institution. Seinem Standort gegenüber in Betschwanden legt heute, soviel ich weiss, kein Techno-Act auf.
Noch bevor ich ins Glarnerland gezogen war, besuchte ich eine Goa-Party in Elm. Kaum waren die Busse am Bahnhof angekommen, mussten sich die Passagiere an einer Rampe von der Polizei filzen lassen. Wir waren im zweiten Bus, der aus Kapazitätsgründen nicht kontrolliert wurde.
An der Talstation der Sportbahnen Elm fanden wir eine Riesenschlange vor. «Ich fahre doch nicht aufs Land, um anzustehen», sagte ich mir und wir marschierten zu Fuss zur Bergstation. Die Kasse befand sich allerdings im Tal. Die Verantwortlichen liessen uns gratis aufs Gelände. Northern Lite spielten und die Nacht wurde zum Tag.
Neue und alte Moden
Nun habe ich bei Ellen Allien auf Instagram erfahren, dass ARTE einen Livestream auf YouTube überträgt. Dieses neumodische Internet hat schon auch Vorteile. Es scheint Ellen und ihrem Publikum gut zu gehen. Einer tanzt rührend mit einem Kuschel-Alien.
Ich bin trotzdem froh, die Reise nach Zürich und zurück heute nicht auf mich genommen zu haben. Eine Leserin meines Blogs, die früher auch an Partys war, hat mir geschrieben, dass auch sie heute nicht in Zürich sei. Sie wohnt auch auf dem Land und hat ihre alte Mode offenbar auch abgeworfen.
Eine alte Mode, die wieder en vogue ist, ist die Schweizer Erfindung LSD. Es zählt laut Blick zu den fünf populärsten Partydrogen. Unser Land scheint einigermassen stolz darauf zu sein. Immerhin fand LSD Einzug in Made in Switzerland. Hazel und Sandra begeisterten damit am ESC in Basel. LSD erhielt, hört man genau zu, einen besonderen Lacher vom Publikum geschenkt.
Der Erfinder von LSD ist Albert Hofmann. 1943 synthetisierte er im Sandoz-Labor Lysergsäurediethylamid. Die Substanz geriet in seinen Organismus. Hofmann brach seine Arbeit ab, fuhr nach Hause und rapportierte seinem Vorgesetzten:
«Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einem nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äusserst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.» Albert Hofmann, «Auf Trip» im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums
Wie lange noch
Zum Ende meiner Street Parade 2026 frage ich mich, wie lange es wohl noch möglich ist, an solchen Anlässen zu tanzen und über Drogen zu schreiben.
Vom Tisch sind Drogen vermutlich nie. So wurde der Vorläufer von Crystal Meth (Methamphetamin) als Pervitin bereits im zweiten Weltkrieg beim Einmarsch von Hitlers Soldaten in Polen eingesetzt. Entwickelt wurde die Substanz schon Mitte der 1930er-Jahre von einer Berliner Firma in Pillenform.
Auch heute nehmen Soldaten Drogen, um den Belastungen standzuhalten, wie im Ukraine-Krieg. Während einige Armeen den Konsum tabuisieren oder bestrafen, experimentieren andere laut Deutschlandfunk mit Neurotechnologie, um die menschlichen Leistungsgrenzen zu verschieben.
Erst recht wünsche ich nun allen Feiernden in Zürich einen schönen Abschluss der Street Parade. Sie ist übrigens die grösste Techno-Party der Welt. Traditionsgemäss wird es in den Medien schon bald um Abfall gehen.
Abfall gibt es jeden Tag. Laut Abfallstatistik produzierte die Schweizer Bevölkerung 2024 rund 670 Kilogramm Siedlungsabfall pro Kopf – dreimal so viel wie noch vor 50 Jahren. Davon wird mehr als die Hälfte getrennt gesammelt und recycelt.
Musik gibt es auch jeden Tag. Das Lied zum Schluss, der erst später kommt, handelt satirisch von Drogenkonsum. Lukas Strobel sagt zu seinem Song von 2013: «Willst du ist eigentlich kein Drogen-Song. In der nächsten Zeile heisst es ja bereits: Komm, wir gehen zusammen den Bach runter.» Sein Künstlername lautet Alligatoah, seine Webseite ist hot, sein Kunstschaffen ausserordentlich. Strobel arbeitet (wie ich) mit Alter Egos – übrigens eine Form der Selbsttherapie.
Schreib-Kater
08:47 Uhr: Irgendwas hat mich aufgeweckt. Meine Erkältung ist noch immer da. Nicht eindeutig, aber irgendwie überall. Ich redigiere und ergänze mal ein bisschen meinen gestrigen Schreib-Trip. Stunden später bekomme ich zu spüren, dass ich zum Abendessen besser eine Schmerztablette genommen hätte.
Abhängig machen meine rezeptpflichtigen Ecofenac 75 mg wohl nicht, sonst würde ich sie nicht immer wieder zu spät und nur phasenweise nehmen. Mein Hausarzt und meine Apothekerin sagten, sie seien unbedenklich. Sie wirken gegen meinen Schmerz. Zum Frühstück habe ich schon wieder vergessen, eine zu nehmen.
Nun: Auch der ehemalige Kokain-Süchtige in der SRF-Doku sagt, er hätte seine Sucht immer damit gerechtfertigt, dass andere noch schlimmer drauf seien. Dann rauche mal eine weitere Zigarette.





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