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Vertrauen ist gut – gute Fragen sind besser

Der Briefwechsel geht weiter. Oliver hat mir seine Gedanken zur Zeit geschickt. Und die stossen mal wieder meine Gedanken an.


Lieber Werner


Ich hoffe, du bist ebenfalls gut gestartet im neuen Jahr, trotzt den nicht einfachen Themen, die dich und auch mich begleiten. Mehr dazu später. Und danke dir für deinen Griff in die Fotokiste mit wunderbarem Rückblick. Ja, die gemeinsame Schulzeit war toll – dank dir. Und nicht nur, weil du vor mir begriffen hattest, dass mein Launentiefstand nach der Arbeit jeweils dem Zuckertiefstand verschuldet war, den du mit einem charmanten Geschenk in Form eines Schokoriegels zu beheben wusstest. Irgendwo zwischen Selbstschutz und Zuneigung wohl.



Du hast dich auch an unsere (Städte-)Reisen erinnert, mir ebenfalls wertvolle Erinnerungen, und da merke ich gerade, wie schnell doch vieles wieder ändern kann: Etliche Nachtzüge waren in den letzten Jahren abgeschafft worden, weil die Kurzstreckenflüge zu billig sind. Dennoch gibt es seit Kurzem eine Renaissance. Und ich hoffe sehr, dass sich die Umstände bald derart ändern werden, dass ich mit dem Zug wieder nach Barcelona oder Paris reisen darf. Ohne Impfung oder erlittener C-Krankheit ist mir das zur Zeit leider nicht möglich.



Dabei ist unterdessen klar – und Sarah Wagenknecht hat das im Video, das du mitgesendet hattest, faktenbasiert sehr gut beschrieben –, dass die Impfung Selbst- aber kein Fremdschutz ist, da u.a. unabhängig vom Impfstatus das Virus aufgenommen und weitergegeben werden kann. Somit sind Massnahmen wie 2G sinnlos. Sarah Wagenknecht dünkt mich schon länger eine der besten Politiker:innen überhaupt, da sie die grossen Zusammenhänge sieht und mutig auch heikle, aber diskutable Themen aufgreift und Fragezeichen setzt. So auch im Zusammenhang mit der deutschen Einwanderungspolitik. Das hat ihr von verschiedensten Seiten den Vorwurf eingetragen, mit rechten Positionen zu kokettieren.


Aber das kennen wir ja von der Berichterstattung über kritische Menschen, welche die allgemeingültige Erzählung über die Gefährlichkeit des Coronavirus, die Wirksamkeit der verschiedensten Massnahmen und der Impfung in Frage stellen, bestens. Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten und Leugner:innen sind weitere Schubladen, um sich nicht mit dem Inhalt auseinandersetzen zu müssen und den Absender bequem als unglaubwürdig oder gar gefährlich versorgen zu können.


Nach wie vor, wie in meinem letzten Brief angeführt, bin ich der Meinung, dass die Medien da grandios und sehr beängstigend versagt haben, weshalb auch immer. Das Outing vom ARD-Mitarbeiter Ole Skambraks sowie das Leak über Ringier-CEO Marc Walder sind für mich Belege für meine lange gehegten Vermutungen dieses Versagens.


Ole Skambraks stellt als langjähriger Journalist beim ARD fehlendes journalistisches Grundverständnis und fehlenden Dialog fest, der einen vielschichtigen Blick auf die Pandemie verhindere und in einem «lähmenden Konsens» münde. Hinterfragen produziere stattdessen Empörung und Häme, weshalb er seinen offenen Brief mit den Worten «Ich kann nicht mehr» betitelt. In meinen Augen ist er ein wachsamer Mensch, der nicht blind dem Narrativ der «offiziell» erzählten Geschichte zu einem Thema nachgefolgt ist und daraus seine für ihn nicht angenehmen Konsequenzen gezogen hat. Solche Menschen bewundere ich.


Wachsamkeit der Katze


Das führt mich zu deinem geteilten, grandiosen und absolut wichtigen Podcast mit Dirk Helbing. Ich stimme da mit ihm und auch dir überein, dass Wachsamkeit notwendig und Vertrauen allein wohl zu wenig ist, um schwierigen Entwicklungen entgegenwirken zu können. Dass es dazu Intuition und auch Selbstvertrauen für Auftritte braucht, hat mich zuerst (angenehm) überrascht. Aber es ist für mich auf zweierlei Arten absolut stimmig. Meine Interpretation davon:


Erstens, die Intuition ist der Appell an uns, unser Herz, die von dir angeführte Liebe, unser (auch Bauch-)Gefühl neben allfälligem (Teil-)Wissen, ernst zu nehmen. Stimmt es für mich, mein Gefühl, mein Wertesystem?


Für mich tolle Musik – zum Hören, Spüren und Mitleben.


Das ist ganz viel wert, denn schliesslich haben wir nicht das Vermögen und die Zeit, uns über alles detailliert zu informieren. Dennoch betrifft uns ganz vieles, was in der weiten und nahen Welt so geschieht, und wir müssen uns immer wieder, gerade in einer Demokratie, zu ganz vielen Dingen eine Meinung bilden. Und das darf getrost über andere Zentren in uns, beispielsweise eben in unserem Herzen, unseren Gefühlen mit unseren Erfahrungen, statt mit dem Kopf geschehen, der von vielen Expert:innen, wer weiss von wem die alle bezahlt werden, gefüttert wird. Oder aber wir schenken Vertrauen und delegieren an andere. Das alles ist nicht einfach und führt unweigerlich immer wieder zu (Selbst-)Zweifeln.


Quelle


Wem können und sollen wir trauen?

Und aus welchen Gründen?


Zweitens: Der angeführte Auftritt im Wissen seiner eigenen Rolle stellt für mich den Dialog, die Authentizität auf Basis von Wissen und Intuition dar: das Ausmirheraustreten, der Positionsbezug, die selbstbewusste Teilnahme am Diskurs als vollwertiges Mitglied der Weltgemeinschaft. Jeder Mensch ist da wichtig, als Mitgestaltendende:r, mental und physisch. Idealerweise aus Liebe – für sich und andere. Das tönt jetzt wunderbar und simpel, zuckersäcklispruchmässig. Aber wie kann ich mich meiner innewohnenden Liebe immer wieder bewusst werden, sie pflegen und entwickeln? Gerade in schwierigen Zeiten? Ohne zu verbittern und zynisch zu werden? Hast du eine Idee?


Ich bin überzeugt, da können wir alle noch viel dazulernen und uns bewusst werden, wo wir stehen. Beispielsweise auch mit den neun Eskalationsstufen nach Glasl. So als Anfang wenigstens.


Ich freue mich auf deine Gedanken und Ideen.


Liebe Grüsse, Oliver



Ole Skambraks «Ich kann nicht mehr» 05.10.2021
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