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Wiedermal geschlaucht

Dieses Mal ging es mit einem Live-Treffen schneller als mit meiner digitalen Antwort an Oliver auf seinen letzten Brief. Vor dem Abschied auf Perron 7 am Zürcher Hauptbahnhof haben wir was abgemacht.


Lieber Oliver


Es war ein schöner Donnerstagabend mit dir. Für einmal kam nicht ich zu spät. Dieses Mal warst du es. Genau genommen war ich auch zu spät, aber du warst noch später. Auf spät kommt es aber nicht an. Hauptsache wir waren zusammen. Zusammen im Café Schlauch, wo wir schon öfter waren. Im Ur-Bio-Lokal im Niederdorf mit seinen zeitlosen Tischreihen, Horgenglarus-Stühlen und dem grossen Billard-Bereich. Spielen wir nächstes Mal Billard?



Weil wir es auch vom Wandern hatten, erinnere ich mich gerade wieder an unsere gemeinsame Sommerwanderung, die du in deinem letzten Brief auch erwähnst. Sie startete dort, woher auch das Titelbild deines Briefes stammt: aus dem Wägital. Vor ein paar Jahren machte ich die gleiche Tour alleine und sie hat mir dieses Jahr und auch zu viert gefallen.


Überhaupt wandere ich gerne von irgendwo Richtung Einsiedeln, das mir immer viel bedeuten wird. Unsere Wanderung endete in einem der sechs Viertel des Bezirks: in Euthal. Aus dem Dorf stammt meine erste und einzige Freundin.



Im gleichen Jahr wie mein erstes Mal vom Wägital ins Euthal wanderte ich vom Klöntal im Kanton Glarus zum Sihlseeli im Kanton Schwyz. Es war eine recht leichte Wanderung bis auf den kurzen, aber wirklich sehr steilen Hang, den ich kurz vor dem Sihlseeli hoch musste.



Eigentlich wollte ich vom Sihlseeli runter zum Ochsenboden wandern. Doch unten im Erprobungszentrum waren gerade Versuche an Waffen oder Munition zu hören. Rund um's Sihlseeli sind (analoge) Tafeln aufgestellt, die auf die gesperrten Wanderwege während Schiesszeiten hinweisen. Demnach war keine Schiesszeit, als ich da war, obwohl geschossen wurde. Nach Unteriberg konnte ich nicht anrufen, weil ich keinen Empfang hatte.



Ich hatte also die Wahl: Das Risiko, auf dem Weg in meine alte Heimat erschossen, verhaftet oder gebüsst zu werden, oder die Gefahr bei Unaufmerksamkeit, den steilen, ungesicherten Hang herunterzufallen, der zurück in meine neue Heimat führt. Ich entschloss mich für das Glarnerland, weil mir meine Überlebenschancen höher vorkamen.



Zurück nach Zürich. Auf Perron 7 haben wir uns verabschiedet und abgemacht, dass unser Briefwechsel auch anders sein darf, wie bisher. Nicht weil er schlecht war, sondern weil er intensiv ist.


Und ich finde, auch weil uns ganz viel anderes noch verbindet, als die global angerichteten Krisen, mit denen wir beschäftigt sind. Oder dass wir uns auch viel anderes zu erzählen haben, weil auch Zeit für anderes sein muss: zum Kochen, Tanzen, Nähen, Gärtnern, Lieben – etwas, das nicht Angst auslöst wie Waffenversuche im Tal, sondern zu Mut führt wie der nicht nur ungefährliche Weg an den Ort, wo man hingehört.


Und deshalb habe ich alles, was ich eine Weile vor unserem Treffen für meine potenzielle Antwort auf deinen letzten Brief gesammelt (also gegoogelt) hatte, gelöscht. Es waren Notizen (also Links) über Krisenherde wie Gerechtigkeit, Überheblichkeit und Klimarisiken, die unter der anhaltenden Informationslawine bereits ein paar Schichten tiefer liegen.


Übrigens fuhr mein Zug auf Perron 8.


Lieber Gruss, Werner

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