Halber Brief
- Werner

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Olivers Brief vom Februar letztes Jahr blieb sehr lange unbeantwortet. Ich nahm ihn schnell zu schwer und die Antwort fiel mir zu lang nicht leicht.
Lieber Oliver
Was soll ich antworten? Seit deiner Gratwanderung fragte ich mich das zwar nicht ständig, aber immer wieder. Erst fühlte ich mich zurück auf Feld eins geworfen. Bald loderten Verteidigungsreflexe, lauerte die Rechtfertigungsfalle und kündigten sich Schuldgefühle an. Lauter Anzeichen dafür, nicht bereit zu sein.
Jetzt fühle ich mich bereit, obwohl ich mir nach wie vor die Frage stelle: Was soll ich antworten? Was von dem, das ich in meinen bisherigen Antwortversuchen zusammengewürfelt habe? Nun, ich beginne einfach mal mit was davon.
In und aus der Spirale
Beim Eintreffen deines Briefs wähnte ich mich auf einer anderen Ebene in einer Dynamik der Schuldumkehr. Sie endete mit meinem Rückzug. Mein Glück waren eine beschränkte Verbundenheit mit den beteiligten Personen und die Resten einer kränkenden (wertvollen) Erfahrung mit einem (geliebten) Menschen. Mit ihm erlebte ich eine Weile zuvor die ganze Spirale der Schuldumkehr kennen bis zu ihrem tiefsten Punkt mit vollständigem Kontaktabbruch. Das alles hat(te) eigentlich nichts mit deinem Brief zu tun. Doch mein Fokus lag auf den Stellen darin, von denen ich mich beschuldigt fühlte. Das kam mir falsch vor. In die Schuldumkehrspirale wollte ich nicht geraten (nicht mit dir), und Rückzug war auch kein Plan (nicht von dir). Als mich letzten Herbst eine TV-Serie packte, hatte ich den Stoff zum Antworten. Selbst mit Stoff wurde aus Herbst nun Frühling – unbeabsichtigt «zeitgleich» mit dem Busunglück in Kerzers.
Weg von der Schuldfrage
Die Serie heisst Hundertdreizehn und kann aus der Schweiz nicht gestreamt werden. Sie handelt von einer Geisterfahrt eines Überlandbusses mit vielen Toten und damit verbundenen Schicksalen. Am Anfang geht es um die Frage, wer schuld an dieser Tragödie ist. Mit jeder Episode wird die Schuldfrage unwichtiger. Am Schluss ist zwar klar, was geschehen ist, doch inzwischen sind aus den vielen Schicksalen neue Beziehungen entstanden, die den Wert der vermeintlichen Schuld übertreffen.
Ein Dialog in einem Warteraum eines Altersheims zwischen einer jungen Frau, die sich aus dem brennenden Bus retten konnte, weil sie eine andere Passagierin zurückgestossen hatte, und einem älteren Augenzeugen mit beginnender Demenz hat mich besonders berührt:
Richard: «Ihre Mutter kommt bestimmt gleich raus.» Clara: «Danke schön. Kommen Sie jetzt öfter hier her?» Richard: «Ja, es ist gut für die Löcher hier oben.» Clara: (lächelt) Richard: «Geht es Ihnen nicht gut?» Clara: «Doch. Doch, ist alles o.k.» Richard: (schaut sie an) Clara: «Naja, eigentlich geht's mir nicht gut.» Richard: (bietet ihr den Stuhl an) Clara: (setzt sich hin) Richard: «Das tut mir leid.» Clara: «Das muss es nicht. Bin selbst schuld.» Richard: «Schuld hält uns nur ab.» Clara: «Wovon?» Richard: «Von Verantwortung. Von Verantwortung für unsere Familien. Und vor Verantwortung für unsere Freunde. Und von Verantwortung für uns selbst.» Clara: (schluckt leer)
Nach dieser Szene offenbart sich Clara dem Mann, dessen Frau sie im Bus zurückgestossen hatte und die im Feuer starb. Er fragt sie nur, was sie anderes hätte tun können, ist dankbar, und (ich glaube) sie umarmen sich. Jede der sechs Episoden endet mit dem gleichen Lied: Mistaken for a While (eine Zeit lang etwas falsch gemacht) von «The Gardener and the Tree». Ich höre es fast täglich. Ich kann so gut wie immer dazu weinen.
Kleines ABC zum Stressmanagement
Weinen ist eine meiner Formen des Stressmanagements. Vor ein paar Wochen sass ich in einem Kurs darüber. Wir übten, Bäume zu sein, klopften uns selbst ab und erhielten Tricks zum Weinen (die ich schon kannte). Was mir besonders blieb: Die Trainerin sagte, politische Arbeit sei zum Glück selbstwirksam. Das erinnerte mich an meinen Brief an dich. Und an die Frage der Schuld, von deren «Schwester» – der Verantwortung – du schreibst. Die Verantwortung von Politikern. Das war eine der Stellen, die mich verunsicherten und vom Antworten abhielten.
Welche Verantwortung trage ich als Politiker, welche nicht? Wo liegt der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung? Und was hat das alles mit Macht und Ohnmacht zu tun?
Auch ohne Antworten darauf zieht es mich in diesem bedeutungsschwesterlichen Vierklang der Worte zur Verantwortung (sie enthält auch «Antwort»), und damit zur Dauerfrage nach Art und Umfang meiner Verantwortung. Ich versuche es mal mit einem möglichen Glaubenssatz.
Ich verantworte, was ich tragen kann, um das zu tun, was in meiner Macht steht, ohne sie zu missbrauchen, anstatt mir selbst die Schuld zu geben, ohnmächtig zu sein.
Diese Überlegungen führen mich zu meinem ersten Gefühl beim Lesen deines Briefs: das Zurückgeworfen sein auf Feld eins, zum Anfang unseres Briefwechsels während der Coronazeit. In dieser Zeit war ich Teil eines Kunstprojekts, das sich (im Nachhinein betrachtet) dem Vierklang zwischen Schuld, Verantwortung, Macht und Ohnmacht stellte. Es entstand eine Ausstellung, an der über 70 Menschen gemeinsam selbstwirksam wurden. Das originale Titelbild der Ausstellung erhielt ich als Lohn für meine freiwillige Arbeit im Organisationskomitee. Bis ich es gerahmt hatte, dauerte es noch länger als meine Antwort auf deinen letzten Brief.

Stabil auf wackliger Erde
Das «Ende» der Corona- und der «Anfang» der Kriegszeit weckten meine Sehnsucht nach mehr romantischer Liebe. Das war anstrengend und nötig, tat mir nicht immer, aber schlussendlich gut und hielt mich davon ab, allein dem Weltgeschehen ohnmächtig zu begegnen. Es war eine Zeit, in der ich mir oft egoistisch vorkam, weil ich nicht darum herumkam, mich um mein Bedürfnis zu kümmern. Auf diesem Weg lernte ich drei Menschen (Männer) kennen, von denen einer mir die Schuldumkehr beibrachte und verschwand, die anderen und sowieso «mein» Mann dafür sowas von geblieben sind, dass ich immer wieder baff vor Dankbarkeit bin.
Dankbarkeit hat den Vorteil, dass man dabei nicht gleichzeitig frustriert (ohnmächtig) sein kann. Diese Erkenntnis habe ich aus einem unterhaltsamen Buch über das Heilfasten mit Gewaltfantasien, das mir auch eine Taktik im Umgang mit der Schuldumkehr beigebracht hat: Die beteiligte Person sperre ich in den Kofferraum meines imaginären Autos, das ich dann an der Sonne stehenlasse. Vom Buch gibt es inzwischen eine Verfilmung.
Heute sage ich mir, meine mir anfänglich unerklärliche Sehnsucht nach mehr romantischer Liebe hatte den Zweck, mich stabiler für die «Welt da draussen» zu machen. Und zwar in meinem nächsten Umfeld, wo meine Selbstwirksamkeit am grössten beziehungsweise am wahrscheinlichsten ist. Und ja, weil auch du zu meinem nächsten Umfeld gehörst, ernenne ich diesen Brief nun zum Liebesbrief und schicke ihn dir, obwohl er erst die Hälfte davon enthält, das ich in den letzten Monaten zusammengewürfelt habe.
Lieber Gruss
Werner
PS: Vielleicht magst du auch bedeckt bleiben lesen. Darin setze ich mich mit meiner Wirksamkeit, meiner Verantwortung und meinem Versagen als Politiker auseinander.





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